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Stadt Zürich
16.06.2022
01.07.2022 12:41 Uhr

Ein Verleger aus Zürich für das «gute» Europa

Bild: Die Buchhandlung Dr. Oprecht an der Rämistrasse 5 bestand von 1925 bis 2003. (Bild: Zentralbibliothek Zürich, Ms Oprecht)
Der Zürcher Buchhändler und Verleger Emil Oprecht war eine zentrale Figur im durch Faschismus und Krieg überschatteten Literaturbetrieb der 1930er- und 1940er-Jahre. Die Präsentation eines vergessenen Romans bringt uns auf seine Fährte.

Eine Buchhandlung am Zürcher Bellevue präsentiert einen vergessenen Roman des Berliner Journalisten und Schriftstellers Theodor Wolff (1868–1943), erschienen vergangenes Jahr in einem kleinen deutschen Verlag – eigent­lich nur eine Randnotiz wert im reich befrachteten Zürcher Veranstaltungskalender. Die Hintergründe dieser Veranstaltung eröffnen jedoch ungeahnte Einblicke in die Zürcher Kulturgeschichte. Nur einen Steinwurf entfernt, an einer anderen Ecke des Bellevues an der unteren Rämistrasse, gab es nämlich bis 2003 eine legendäre Buchhandlung mit Namen «Dr. Oprecht», die mit dieser Veranstaltung überraschend viel zu tun hat.

Ihr Gründer heisst Emil Oprecht (1895–1952). Der promovierte Volkswirtschafter verkaufte aber nicht nur Bücher, sondern betätigte sich auch als Verleger, und zwar gleich zweispurig: mit dem Oprecht-Verlag für belletristische und dem Europa- Verlag für politische Literatur. Ab 1933 nahm er eine bedeutende Rolle als Ver­leger von Exilschriftstellerinnen und -schriftstellern ein und verkehrte mit bedeutenden literarischen Grössen wie etwa Thomas Mann. Von Bedeutung ist ausserdem sein Beitrag zum Zürcher Theaterleben, denn er war 1938 massgeblich an der Gründung der Neuen Schauspiel AG (Schauspielhaus Zürich) beteiligt, deren Verwaltungsrat er bis zu seinem Tod 1952 präsidierte.

1937 brachte Oprecht den Roman «Die Schwimmerin» von Theodor Wolff heraus, und das war keine Selbstverständlichkeit. Die Nationalsozialisten in Deutschland beobachteten genau, was in den Schweizer Medien und Verlagen publiziert wurde, und setzten die Behörden oft genug unter Druck. Wolff schrieb seinen Roman im südfranzösischen Exil. Von 1906 bis 1933 hatte er das bedeutende «Berliner Tageblatt» als Chefredaktor geleitet und als Jude und liberaler Demokrat unverdrossen gegen den Faschismus gekämpft.

Ein Bankier im Exil

Die Hauptfigur ist ein Bankier, der sich während der Umbrüche der 1930er-Jahre aus allem herauszuhalten versucht und dennoch am Ende zur Flucht gezwungen ist. Im Exil in Südfrankreich verliebt er sich in eine junge Aktivistin, die seine Passivität nicht akzeptieren kann.

Der Bonner Weidle-Verlag hat Wolffs Roman neu herausgegeben und mit einem Nachwort von Ute Kröger versehen. Die in Kilchberg wohnhafte Germanistin und Publizistin hat schon einige wertvolle Beiträge zur Zürcher Kulturgeschichte veröffentlicht, namentlich «Zürich, du mein blaues Wunder», in dem Zürich in sieben Streifzügen als europäische Literaturstadt präsentiert wird.

Im Rahmen ihrer vielfältigen Recherchen ist sie schon vor Langem auf Emil Oprechts Bedeutung aufmerksam geworden. Dieser hat selbst zwar kaum etwas geschrieben, doch er war ein grosser Ermöglicher und, zusammen mit seiner Frau Emmie, ein unermüdlicher Helfer für viele von den Nazis Vertriebene, ob in Zürich oder im Ausland.

Im Nachlass der Oprechts in der Zen­tralbibliothek Zürich stiess Kröger, wie sie im Gespräch mit Lokalinfo erzählt, auf Oprechts Korrespondenz mit Theodor Wolff und auf dessen Roman «Die Schwimmerin». Sie fand ihn stilistisch brillant und machte ihn dem Verleger Stefan Weidle schmackhaft, der sich bereits mit der Herausgabe von vergessener Literatur aus den 1920er- und 1930er-Jahren einen Namen gemacht hatte.

Lesung mit Robert Hunger-Bühler

In der Buchhandlung Orell Füssli am Bellevue erhält das Zürcher Publikum nun die Gelegenheit, den Sound des Romans kennenzulernen, in der Interpretation des grossen Schauspielers Robert Hunger-Bühler. Dazu gibt Ute Kröger im Gespräch mit Nicola Steiner (SRF) Auskunft über die Hintergründe des Romans – und sicher auch über Emil Oprechts Rolle als Verleger.

Mit der Schliessung der Buchhandlung Dr. Oprecht Ende Januar 2003 verschwand ihr Gründer übrigens nicht aus dem Zürcher Stadtbild. Kurze Zeit darauf benannte der Zürcher Stadtrat einen Platz und eine Strasse im neu entwickelten ehemaligen Industriegebiet hinter dem Bahnhof Oerlikon nach ihm. Eine Buchhandlung gibt es dort allerdings nicht ... 

«Die Schwimmerin»

An der Buchpräsentation liest Robert Hunger-Bühler Auszüge aus dem Roman; Nicola Steiner (SRF) unterhält sich mit Ute Kröger.

Buchhandlung Orell Füssli Bellevue, Donnerstag, 16. Juni, 20.30 Uhr. Vorverkauf 0848 849 848 oder bellevue@orellfuessli.ch

Weiterführende Literatur

Christoph Emanuel Dejung: Emil Oprecht. Verleger der Exil­autoren. Verlag rüffer & rub. Zürich 2020.

Tobias Hoffmann