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Aus dem Gemeinderat
26.06.2022
26.06.2022 20:11 Uhr

Monaco, Singapur, Vatikanstadt – und schon bald Zürich?

Serap Kahriman.
Serap Kahriman. Bild: zvg
Menschen flüchten aus Nationalstaaten. Tatsache ist, dass Flucht und Migration Realität sind. Solange es Menschen gibt, wir es auch Migration geben.

Serap Kahriman, Gemeinderätin GLP Kreis 11  

Vor knapp einem Monat hat die Zürcher Stimmbevölkerung mit 51,69 Prozent Ja zur «Züri City Card» gesagt. Man kann von diesem Stadtausweis halten, was man will, aber eines ist klar: Mit einem Ausweis wird mehr verbunden als nur ein Stück Papier. Ausweise können Identitäten stiften und Heimatsgefühle wecken. Und das nicht nur bei Sans-Papiers, sondern auch bei Personen mit Schweizer Staatsbürgerschaft. Und so wirft es auch schnell die Anschlussfrage auf: Was oder wo ist Heimat? Geboren und aufgewachsen im Toggenburg, mit Sicht auf den Säntis und die Churfirsten, wohne ich nun seit einigen Jahren in der Stadt, zwischen dem Käferberg und den Gleisen des Bahnhofs Oerlikon.

Als Kind migrantischer Eltern habe ich mich schon oft gefragt: Wo und was ist meine Heimat? Ist Heimat überhaupt ein Ort oder doch nur ein Gefühl? Ist es das Land, in welchem mein Grossvater Hoffnung und ein besseres Leben suchte? Ist es das Geburtsland meiner Eltern oder mein Geburtsland? Ist Heimat ein Nationalstaat oder doch ein ganz bestimmter Ort? Manche Menschen flüchten, um eine Heimat zu finden. Vielleicht nur für vorübergehend, vielleicht für immer. Menschen emigrieren, weil sie müssen oder wollen. Menschen flüchten aus Nationalstaaten. Menschen flüchten aber auch vom Land in die Stadt. Tatsache ist, dass Flucht und Migration Realität sind. Solange es Menschen gibt, wird es auch Migration geben.

Ein Stadtausweis stiftet Identität, weckt Heimatgefühl und heisst Menschen willkommen. Ein Stadtausweis kann aber auch definieren, wer Teil der städtischen Bevölkerung und somit des Souveräns ist. Und der Souverän bildet mit ihrem Willen demokratische Systeme. Bedeutet ein Stadtausweis also eine Art Stadtbürgerschaft und begraben wir damit die Staatsbürgerschaft? Und heisst das, dass wir Zürich zum Stadtstaat ausrufen sollten? Ein unabhängiges Zürich wie Monaco, Singapur und Vatikanstadt? Wir wären damit komplett frei – frei von übergeordnetem Recht, frei von übergeordneten Vorgaben. Wir könnten unsere Stadt so gestalten, wie wir es möchten. Lieber Leserschaft, ich schweife ab ...

In der Rubrik «Aus dem Gemeinderat» schreiben Volksvertreterinnen und -vertreter regelmässig einen Beitrag. Alle im Stadtparlament vertretenen Parteien bekommen hierzu regelmässig Gelegenheit. Die Schreibenden äussern im Beitrag ihre persönliche Meinung.

Serap Kahriman, GLP, Kreis 11