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Stadt Zürich
06.07.2022
06.07.2022 10:50 Uhr

«Bauen werd’ ich auch noch»

Die zeitgenössische Architektin Vera Gloor trug im Langstrassenquartier zum Wandlungsprozess vom Arbeiter- zum Trendquartier bei, was ihr nicht nur Lob einbrachte. Diese drei Häuser an der Josefstrasse wurden von ihr aufgestockt und totalsaniert.
Die zeitgenössische Architektin Vera Gloor trug im Langstrassenquartier zum Wandlungsprozess vom Arbeiter- zum Trendquartier bei, was ihr nicht nur Lob einbrachte. Diese drei Häuser an der Josefstrasse wurden von ihr aufgestockt und totalsaniert. Bild: Jeannette Gerber
Frauen dürfen in der Schweiz erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts Architektur studieren. In dieser kurzen Zeit haben sie Grosses geleistet. Das zeigt ein Frauenstadtrundgang in Zürich, der am 9. Juli zum zweiten Mal stattfindet.

Jeannette Gerber

Die diesjährige Saison der Frauenstadtrundgänge wurde im April mit der neuen Tour «Zürcher Pionierinnen der Architektur» eröffnet – am 9. Juli findet der nächste Rundgang statt. Die Historikerinnen ­Dorothee Rempfer und Claudia Arnold begrüssten 60 Stadtwanderinnen und -wanderer. «Wir werden Sie an Stationen im Kreis 5 mit unterschiedlichen Architektinnen bekannt machen», kündigte Rempfer an. Die einzelnen Stationen präsentierten die beiden Historikerinnen abwechslungsweise und bebilderten sie mit historischen Fotos.

Treffpunkt war beim Lettenviadukt an der Wasserwerkstrasse mit Blick auf die Wohnkolonie Lettenhof, oder, wie sie vollständig heisst, «Wohnkolonie für alleinstehende Frauen im Lettenhof Zürich». Sie wurde von der berühmten Architektin Lux Guyer zwischen 1925 und 1927 realisiert. Guyer war die erste Frau, die in der Schweiz ein eigenes Büro besass. Bemerkenswert ist, dass es in dieser Zeit kaum andere Frauen gab, die bautechnisch tätig waren, ausser zweier Witwen – Frau Schneider und Frau Dietschi –, die den barocken Prunkbau Zunfthaus zur Meisen mit Steinmetzarbeiten an den Aussenwänden versahen.

Pionierin des sozialen Bauens

Nach dem Besuch der Fachhochschule für Innenausbau an der kunstgewerblichen Abteilung der Gewerbeschule in Zürich verbrachte Guyer drei Jahre im Ausland, in Paris, Florenz, London und Berlin. In ihren Briefen an ihre Schwester erzählte sie, wie schwer sie überall zu kämpfen hatte. So schrieb sie: «Wenn ich doch nur einen Associé finden könnte, denn ich mag nicht, in kleinen Büros den Löli zu machen.» Darauf folgte der Ausruf: «Bauen werd’ ich auch noch, ich schwör’ es dir!» Nach ihrer Rückkehr aus Berlin machte sie sich selbstständig.

Guyer realisierte zuerst einige Privathäuser, in denen sie teilweise zur Demonstration der Wohnlichkeit selbst einzog. Ihr zweites Projekt war die erwähnte Wohnkolonie Letten. Gedacht waren die Wohnungen mit maximal drei Zimmern für alleinstehende, berufstätige Frauen, die durch ihre Arbeit kaum Zeit hatten, der Hausarbeit nachzukommen. Die Idee war, diesen Frauen ein eigenständiges und unabhängiges Leben zu ermöglichen. Guyer war somit eine.

Dann ging die Tour weiter Richtung Limmat über einen der wenigen nach Frauen benannten Wege, den Lux-Guyer- Weg, der 1995 ihren Namen erhielt. Er führte durch den Park des Schindlerguts, wo Claudia Arnold über Guyers Nichte Beate Schnitter informierte, die sich ebenso für das Architekturstudium an der ETH Zürich entschied. Als ihre Tante Lux Guyer 1955 verstarb, übernahm sie deren Architekturbüro. Doch auch sie hatte gegen die männlichen Vorurteile gegen die Frauen im Architekturberuf zu kämpfen. Wegen dieser Vorbehalte widmete sich Schnitter der Instandhaltung und Erweiterung historischer Bausubstanzen. Ab 1972 war sie Bauberaterin für den Schweizer Heimatschutz. Ihr wohl bekanntester Umbau ist die Sternwarte bei der ETH Zürich, die im 19. Jahrhundert von Gottfried Semper erbaut wurde. Von 1990 bis 1997 restaurierte Schnitter das Musikwissenschaftliche Institut der Universität Zürich an der Florhofgasse. Mit diesen Arbeiten verdeutlichte sie ihre Rolle als Architektin im Umgang mit historischer Baukultur.

Einzige Architektin an der Landi

«Einer weiteren modernen Bausprache in historischer Umgebung begegnen wir am Lettenkanal. Hier lernen wir Elsa Burckhardt-Blum kennen und schauen uns das von ihr erbaute Flussbad an», so Dorothee Rempfer. Elsa und Ernst F. Burkhardt-Blum waren die führenden Schweizer Vertreter des Neuen Bauens, der Klassischen Moderne. Obwohl sie mehrere Projekte gemeinsam realisierten, war das Bad Elsa Burkhardt-Blums alleiniges Werk. Sie ersetzte 1950 das Kastenbad aus dem 19. Jahrhundert durch das heutige Flussbad. Es gilt als ihr Hauptwerk und wurde 1957 von der Stadt Zürich ausgezeichnet.

Die 1900 geborene Elsa Blum studierte Kunstgeschichte, absolvierte eine Lehre als Bauzeichnerin und war seit 1933 als Architektin tätig. An der Landi, der Landesausstellung 1939, war sie als einzige weibliche Architektin engagiert, zuständig für die Abteilung Sport.

Nach dem Tod ihres Ehemanns – er kam bei einem gemeinsamen Autounfall ums Leben, bei dem sie ebenfalls schwer verletzt und gehbehindert wurde – nahm man sie als erste Frau in den Bund Schweizer Architekten BSA auf. Fortan widmete sie sich mehr der Kunst und begann zu malen. Mit ihrer Vorliebe fürs Geometrische wurde sie als abstrakte Künstlerin im In- und Ausland bekannt. Zu ihrem 65. Geburtstag ehrte sie die Stadt Zürich mit einer Ausstellung im Helmhaus.

Clusterwohnungen kreiert

Die Tour ging weiter ins Langstrassenquartier, wo die zeitgenössische Architektin Vera Gloor einige Gebäude sanierte und damit die dortige Wohnkultur massgeblich beeinflusste. Gloor wurde 1963 in Zürich geboren und studierte Architektur. Sie realisierte speziell in den Kreisen 4 und 5 Um- und Neubauten. Damit trug sie im Langstrassenquartier zum Wandlungsprozess vom Arbeiter- zum Trendquartier und ebenso zur sogenannten Gentrifizierung ihren Teil bei. An der Josef­strasse baute sie drei Häuser um. Gloor hat mit diesen Gebäuden das Loftwohnen in der Stadtstruktur verankert.

Eine weitere von ihr umgebaute Liegenschaft an der Langstrasse ist das Wohn- und Geschäftshaus St. Pauli, das vorher in den Händen eines Milieukönigs und völlig vernachlässigt und sanierungsbedürftig war. Privatpersonen erwarben das Gebäude und Vera Gloor sanierte es und schuf damit eine der ersten Clusterwohnungen in Zürich.

Gemeint ist damit ein Zusammenschluss von Kleinwohnungen in eine grössere. Alle teilen einen Gemeinschaftsraum mit einer grosszügigen Küche und einem Wohn- und Essbereich. Doch alle haben ihren Individualbereich mit Nasszelle. «Mit diesem neuen Wohnungstyp der Clusterwohnung», so Historikerin Claudia Arnold, «etablierte sie eine experimentelle Wohnform, die unter dem Strich weniger kostet als die übliche Marktmiete.»

Die letzte Station war dem Thema gendergerechtes Bauen gewidmet. Der gewählte Standort war ein Innenhof an der Gasometerstrasse, der typisch für die alte Bauweise steht – eng, düster und unübersichtlich.

Ursula Koch, SP-Stadträtin von 1986 bis 1998, zu dieser Zeit Vorsteherin des Bauamts II (heute Hochbaudepartement) der Stadt Zürich und erste Frau in diesem Amt, forderte die Frauen 1990 heraus mit den Worten: «Hört auf, euch nur für Soziales und Schule verantwortlich zu fühlen. Interessiert euch, wofür das Geld ausgegeben wird, und interessiert euch für die Planung. Denn wenn ihr euch nicht interessiert, müsst ihr mit dem leben, was übrig bleibt.» Diese Worte waren zu jener Zeit keine Selbstverständlichkeit.

Eine Frauenlobby gegründet

Architektinnen durften meist nur Wohnhäuser oder Innenarchitektur planen. Die Gestaltung des öffentlichen Raums war Männern vorbehalten. Nun gründeten acht Architektinnen und eine Sozialpädagogin 1989 die Frauenlobby Städtebau. Diese erstellte eine Studie in den Wohnquartieren der Stadt Zürich und untersuchte die Faktoren, die für die Sicherheit und das Wohlbefinden der Frau unverzichtbar sind. Später entstand der gesamtschweizerische Verein P.A.F. – Planung, Architektur, Frauen, dieser begutachtete Bauprojekte aus Frauensicht. Ein wichtiger Aspekt in der Planung war, dass Frauen sich sicher fühlten. Also beispielsweise lieber überirdisch planen und unübersichtliche Wege wie Unterführungen vermeiden.

Die Überbauung Brahmshof, erstellt 1989 bis 1991 zwischen Albisriederplatz und Letzigrund, galt als besonders frauengerecht. Der Evangelische Frauenbund übernahm damals die Bauherrschaft. Diese Siedlung war zwar von Frauen geplant, aber nicht spezifisch für Frauen ­gebaut. Die Zielgruppe war möglichst ­divers, auch für Randgruppen und Menschen mit Behinderung. Integriert waren eine Kinderkrippe, ein Kafi, ein Gemeinschaftsraum, eine Schule, Büros und ein Mütterzentrum. Eine bunte Durchmischung sei in jeder Hinsicht frauenfreundlich und auch das Resultat einer gendergerechten Planung.

Seit 2017 ist übrigens eine Frau – Katrin Gügler – Direktorin des Amtes für Städtebau. Fazit: Frauen mischen sich heute auf allen Ebenen der Planung ein.

Der nächste Stadtrundgang «Pionierinnen der Architektur» wird am Samstag, 9. Juli, um 16.15 Uhr durchgeführt. Treffpunkt: Lettenviadukt, gegenüber Ecke Wasserwerkstrasse/Imfeldsteig. Anmeldung: www.frauenstadtrundgangzuerich.ch

Jeannette Gerber