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Zürich West
06.07.2022
05.07.2022 19:44 Uhr

«Eine gesunde Dosis von Schalk hilft»

Maria Herrlich: «Wir sind neidisch auf den Süden, den man bei euch spürt.»
Maria Herrlich: «Wir sind neidisch auf den Süden, den man bei euch spürt.» Bild: Urs Heinz Aerni
Maria Herrlich lebt als Illustratorin und Autorin in Berlin. Oft ist sie auch in Zürich anzutreffen, zum Beispiel um über ihr neues Buch zu sprechen.

Die Liebe ist der Brennstoff für dieses schöne Buch, auch die Leere und die Einsamkeit sind Gefühle, die literarisch umkreist werden. Widerspiegelt der verschneite Wald auf dem Cover die melancholische Initialzündung für das Buch?

Maria Herrlich: Oh ja, Liebe und Leidenschaft sind für mich der Sprit vom Leben sowie Leere und Einsamkeit die Zeit der Erholung. Für mich deckt die Schneedecke auf dem Cover das Leben für eine Weile zu. Unter der Decke hat es Zeit für den Frühling, Kräfte zu sammeln. Ein paar vertrocknete Blätter hängen noch an den Bäumen als Erinnerung an die vergangene Jahreszeit, wie Briefe, die nicht abgeschickt wurden. Nein, es war nicht die Initialzündung, ist aber, wie ich finde, ein schön gefundenes Spiegelbild.

Im Buch ist der Satz zu lesen: «Einmal sagtest du zu mir, du wünschtest, du könntest die Zeit anhalten.» Wie ist es mit Ihnen? Oder ist das Schreiben von Rückblenden und mit dem Sicherinnern der Versuch, die Zeit zu verlangsamen?

Nein, überhaupt nicht. Stellte ich mir vor, eine schöne Lebenssituation in einer Dauerschleife anzuhalten, würde ich anfangen, mich im Stehenbleiben zu langweilen. Durch das Schreiben lernt man, Erlebtes zu reflektieren und einen Deut weit mehr zu verstehen. Man könnte sagen, es ist was zum Festhalten, damit man es loslassen kann.

Vergangenes wird hier nicht lamentierend angegangen, auch Ironie und Komik fehlen nicht, und von einer nicht unkritischen Hochzeitsrede bis zu Kamelscheisse ist was zu lesen. Verwenden Sie den Schalk, den leisen Witz, um Fakten und Tatsachen leichter zu akzeptieren?

An Vergangenem ist nichts mehr zu ändern. Und im täglichen Schlamassel ist eine Dosis Humor unbedingt verschreibungspflichtig. Oder wie sonst ist das ­Leben mit all seinen Höhen und Tiefen zu nehmen? Mit der Akzeptanz ist das so eine Sache, ist man von Natur aus dickköpfig. Aber ja, eine gesunde Dosis von Schalk, Witz und Ironie helfen, Fakten und Tatsachen in einem anderen Licht zu sehen.

Dass Sie aus dem eigenen Lebenssteinbruch schöpfen, gehört zur Literatur. ­Sehen Sie nach dem Buch gewisse Dinge anders als zuvor?

Vielleicht sehe ich ein bisschen klarer durch die Welt, bis dass der Nebel mal wieder die Sicht versperrt.

Sie sind schon mehrmals aus Berlin nach Zürich gereist und besuchten auch Ecken in den Quartieren Altstetten, Wiedikon und Albisrieden. Was passiert mit Ihnen, wenn Sie hier unterwegs sind?

Huch, denke ich, ist ja fast so wie in Neukölln, dann sieht’s plötzlich aus wie eine Ecke in Düsseldorf und … Ups, was für ein wunderschöner Laden, den kann es nur hier geben. Es gibt viele Ecken, die an andere Grossstädte erinnern, doch es ist kleiner und in der Kürze abwechslungsreicher. Immer wieder schmuggelt sich die Natur durch: See, Bach, Berg und Wiese … Und schon wird die Endhaltestelle Albisrieden ausgerufen, und ich würde mich nicht wundern, jemand stünde da in Lederhosen samt Kuh mit Glockengeläut. Die gefühlte Mischung aus Stadt, Wein, Mensch und Schokolade ist für mich ein Elixier.

Das mit der Lederhose passt nicht so ganz in die hiesige Tradition, aber das ist ein anderes Thema. Ganz unter uns: Wie reden die Leute denn in Berlin über uns Zürcherinnen und Zürcher?

Natürlich, dass es euch viel zu gut geht … Denn das Erste, was dem armen Berliner durch den Kopf schiesst, ist, dass wir uns die Schweiz nicht leisten können, was natürlich sehr wenig mit den Menschen zu tun hat, die wir allzu gerne als konservativ einschätzen. Wir bewundern den Zürcher Chic, die Kunst und das Interesse an kulturellen Veranstaltungen. Auch, dass die NZZ eine mehr zitierte Zeitung ist als der «Tagesspiegel» … Wir sind neidisch auf den Süden, den man bei euch spürt.

Echt, Sie spüren bei uns den Süden…?

…und die Sprachen, die ihr manchmal ganz durcheinandersprecht, ob Französisch, Schweizerdeutsch oder Deutsch…

 Das mit dem Französisch wird wohl etwas überbewertet…

Und ihr Zürcher versteht es zu geniessen, ob Küche, Mode oder Kunst. Immer ­wieder denke ich an Zürich mit seinem Angebot an all den leckeren «Li» (Gipfeli, Bürli …). Entschuldigung, jetzt gerate ich ganz persönlich wieder ins Schwärmen, auch weil ich bisher nur nette, äusserst eloquente Zürcherinnen und Zürcher kennen gelernt habe, die mir so was mitgebracht haben! Na ja, die unkoschere Kunstseite schmeckt bei dem einen «Li» nicht ganz so gut, die würden wir schon gerne zur Kritik freigeben, oder?

Ein weites Feld. Vielen Dank für das Gespräch.

Grafikerin, Herausgeberin, ­Autorin, Veranstalterin

Maria Herrlich, 1955 in Leipzig geboren und in Düsseldorf aufgewachsen, lebt seit 1978 in Berlin. Als selbstständige Grafikerin und Illustratorin arbeitete sie für Werbeagenturen, Verlage und die freie Wirtschaft. Mit der Zeit wurden es immer mehr Covergestaltungen für Bücher bis hin zum Satz.

Neben vier illustrierten Koch­büchern ist sie Herausgeberin und Illustratorin der «Apfelgeschichten» von Frederike Frei und vom «Ei-Buch». Gemeinsam mit F. W. Bernstein sind 2017 die «Nixen-Dessous» zur Welt gekommen, 2019 erschienen die «Love Letters aus Absurdistan», Alliterationen mit Typografien in der Bauhausschrift Futura. 2021 veröffentlichte Maria Herrlich zusammen mit Frank Klötgen die «Katzenwäsche». Zudem ist sie Veranstalterin des «Herrlichen Salons» in Berlin.

Das Buch: «Verlorene Briefe» von Maria Herrlich, 104 Seiten, mit 32 Illustrationen, Quintus Verlag, ISBN 978-3-96982-027-9.

Interview: Urs Heinz Aerni