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Zürich Nord
14.07.2022
11.08.2022 11:08 Uhr

Die besondere Aktualität der «West Side Story»

Realitätsnah: Die Schülerinnen und Schüler wachsen inmitten verschiedener Migrationsgemeinschaften auf und erleben so das Spannungsfeld zwischen Identitätsbewahrung und Anpassung.
Realitätsnah: Die Schülerinnen und Schüler wachsen inmitten verschiedener Migrationsgemeinschaften auf und erleben so das Spannungsfeld zwischen Identitätsbewahrung und Anpassung. Bild: pm.
20 Schülerinnen und Schüler vom Sekundarschulhaus Käferholz in Affoltern spielten im MFO-Park in Oerlikon das Musical «West Side Story». Die Begeisterung über die gelungenen Auftritte war riesig.

Im MFO-Park erklangen kürzlich besondere Töne: Musik, laute Stimmen, Schüsse und Klatschen. 20 Schülerinnen und Schüler des Sekundarschulhauses Käferholz führten das Musical «West Side Story» auf. Die dramatische Geschichte um die beiden Banden Sharks und Jets begeisterte sowohl das Publikum als auch die Teilnehmenden. Gerne würden einige Schauspielerinnen und Schauspieler wieder auf der Bühne stehen.

Intensive Probezeit

Alle Mitwirkenden beim Musical hatten sich seit einem Jahr mit professioneller Unterstützung auf ihren Auftritt vorbereitet: Choreografin Sabine Schindler, Gesangstrainer Mark Lay und Regisseur ­Roland Körner. Mittels eines Castings im vergangenen Oktober wurden die Jugend­lichen vom ganzen Schulhaus Käferholz ausgewählt. Ihre Rolle konnten sie allerdings nicht selber bestimmen. Sie wurde ihnen zugeteilt. Jeden Montag probten sie während zweieinhalb Stunden. Hatten sie trotzdem noch genügend Zeit für die Schule? «Ja, wir haben das Modell selbst organisiertes Lernen, weshalb es gut ging», erklärt Lana Bacic, die im Musical die Rolle von Riff, dem Chef der Jets, spielte. Sie sei eine gute Schülerin. Lana hätte zwar anfangs gerne eine Hauptrolle gespielt, aber sie sei jetzt sehr zufrieden. «Es war cool», betonte sie. Und deshalb sei es schade, dass es nun vorbei sei. Gerne würde sie professionell auf der Bühne stehen. Auch Prince Enuruah – er spielte die Rolle von Bernardo, dem Chef der Sharks – gefiel das Musicalprojekt. «Ich habe genug Zeit erhalten, um zu proben», meinte er. Es sei ihm während der Aufführungen kein einziger Patzer unterlaufen. Er sei vor dem Auftritt zwar etwas nervös gewesen, aber auf der Bühne nicht. In seiner Freizeit spielt er Schlagzeug und Fussball beim FC Affoltern. Nicht zu viel mit den Proben fürs Musical? «Nein, ich könnte mir vorstellen, weiterhin auf der Bühne zu stehen.»

«Sie wuchsen über sich hinaus»

Dass die «West Side Story» ein trauriges Ende hat, beschäftigte die Schülerinnen und Schüler nicht. Das Echo der Kolleginnen und Kollegen auf ihren Auftritt sei durchwegs positiv gewesen. Regie führte Roland Körner. Die Gesamtleitung hatte Nicole Zenklusen Funk, Initiantin des Projekts und Klassenlehrerin am Käferholz. «Die ‹West Side Story› aufzuführen, ist eine Herausforderung», betonte sie. Sie sei deshalb sehr zufrieden. Am Freitagabend habe die Crew mit der berührendsten ­Aufführung das Publikum begeistert. ­
«Die Schauspielerinnen und Schauspieler wuchsen für die letzte Aufführung regelrecht über sich hinaus und sangen, tanzten, trugen ihre Texte vor wie kleine Profis.» Das Musical sei ein Teamwork der ganzen Schule Käferholz gewesen.

Migration als Spannungsfeld

Bernsteins Musical ist für die Jugendlichen von besonderer Aktualität, ist die Schule Käferholz überzeugt. «Sie wachsen inmitten verschiedener Migrationsgemeinschaften auf und erleben täglich das Spannungsfeld zwischen Identitätsbewahrung und Anpassung.» Die Konflikte der New Yorker Jugendbanden, der amerikanischen Jets und der puerto-ricanischen Sharks, in den 1950er-Jahren liessen sich deshalb ohne viel Fantasie in ihre Lebenswelt übertragen. Die professionelle Inszenierung war dank der Stiftung «Education 21 – Bildung für nachhaltige Entwicklung» möglich. Die Schülerinnen und Schüler setzten sich bei ihrer künstlerischen Arbeit intensiv mit Geschlechterrollen, Stereotypen, Vorurteilen und Klischees im Alltag und in der Berufswelt auseinander. Der Schulleiter Aaron Schnyder stand voll hinter der Idee. Der MFO-Park, die «grüne Halle Oerlikons», bot den passenden Rahmen: Kultur kam auf die Strasse und holte Darbietende und Publikum dort ab, wo sie leben, mit Themen, die sie erleben. Herausgekommen war ein bewegendes Programm, welches mit ungeahntem Gesangs- und Schauspiel­talent beeindruckte. In drei Jahren führt die Schule wieder ein Musical auf. Darauf darf man sich freuen.

Pia Meier