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Züriberg
13.07.2022
13.07.2022 15:53 Uhr

Nachbarschaftsstreit um hohe Bäume endet vor Gericht

Im Quartier sind hohe Bäume eigentlich die Regel.
Im Quartier sind hohe Bäume eigentlich die Regel. Bild: ls.
Ihm geht ein jahrelanges Hin und Her wegen Bäumen, Sträuchern und Efeuranken voraus: einem Termin vor Bezirksgericht, der mit einem Vergleich endete. Der Beklagte ist nun höchst unzufrieden, im Gegensatz zum Kläger, der sich bestätigt fühlt.

Es ist eine Geschichte, die wohl hin und wieder vorkommt. Ein Nachbarschaftsstreit, der vor Gericht landet. Doch weil es im vorliegenden Fall um die hochemotionalen Themen «Bäume» und «naturnahes Gärtnern» geht, lohnt es sich, etwas detailliert auszuholen.

Rekordhitze als Kontext
Zürich wappnet sich aktuell für die Hitze. Dabei geht es nicht nur um einige heisse Tage jetzt im Hochsommer. Es ist ein Trend, der durch die Messwerte von Swiss Meteo am Zürichberg dokumentiert wird. Die heissesten Tage und Monate seit Messbeginn vor gut 150 Jahren stammen alle aus den letzten Jahren. Als probates Mittel gegen die Hitze in der Stadt werden laut Experten Bäume ­genannt. Oft werden im Umfeld von Bäumen gut 5 bis 7 Grad tiefere Temperaturen ­gemessen. So propagiert die Stadt das Bäumepflanzen, und es gibt ein Alleenkonzept, damit mehr Bäume gepflanzt werden bei Strassensanierungen.
Werden markante Bäume gefällt, gehen oft die Wogen hoch. So etwa im Frühling, als im Wolfbachtobel gegen hundert Eschen gefällt wurden. Sogar Bestsellerautor Martin Suter nervte sich öffentlich.

Kein allgemeiner Baumschutz
Doch wie sieht es mit dem generellen Baumschutz aus? Bereits im Zuge der Ökologiebewegung in den 1980er-Jahren wurde der Ruf nach Baumschutz lauter. Die Stimmberechtigten hatten am 17. Mai 1992 einer hierzu erarbeiteten Baumschutzverordnung zugestimmt. Diese wurde aber infolge von Rechts­mittelentscheiden aufgehoben, da ein gemeindeweiter, flächendeckender Baumschutz im Widerspruch zum kantonalen Planungs- und Baugesetz stehe. Seitdem gibt es in Zürich lediglich Baumschutzvorschriften für Bäume in gewissen Gartenschutzgebieten. Dies betrifft aber höchstens einige wenige Prozent des Stadtgebiets. Im übrigen Stadtgebiet ist das Baumfällen auch in Gärten grundsätzlich erlaubt.
Diese also durchaus ­legitime Forderung nach einer Baumfällung möchte ein Bewohner in Hottingen durchgesetzt haben, und zwar bei drei hundertjährigen und 15 Meter hohen Bäumen des Nachbarn Walter Lüthold, die nahe an der Grundstücksgrenze stehen. Zwar wurden diese gut 50 Jahre vor seinem in den 1980er-Jahren erstellten Neubau gepflanzt. Zudem stammt das Haus der Familie Lüthold an der Freiestrasse von 1892, die Ersatzneubauten des Nachbarn von 1980.

Bäume, Hecken, Efeu stören
Aber heute verursachen die Bäume laut der Anklageschrift Schatten und sind wegen möglichen Fallholzes gefährlich. Weiter fordert der Nachbar, der nicht mit Namen in der Zeitung erscheinen möchte, dass der gesamte weitere Baum- und Heckenbestand entlang der Grundstücksgrenze massiv zurückgestutzt werden soll. Zudem stört ihn der Efeu­bewuchs an seiner Hauswand, welche genau an der Grenze steht. Schriftliche Fragen dieser Zeitung wollte der Kläger nicht beantworten. Er war aber nach der Verhandlung bereit, einige Fragen zu beantworten – mit der (legitimen) Auflage, dass sein Name nicht genannt werde.

«Der reinste Horror»
Mit Namen hinstehen mag hingegen der Angeklagte Walter Lüthold. Für den 74-Jährigen ist dieser Nachbarschaftsstreit der reinste Horror. «Es geht um Rechthaberei. Der vom rechtsschutzversicherten Nachbarn beklagte Schattenwurf ist umso absurder, als dessen Jalousien bei jedem Wetter heruntergelassen sind», so seine Beobachtung. Lüthold ist hier im Haus seiner Eltern aufgewachsen und hat es in den 1990er-Jahren übernommen. «Die Kritik des Nachbarn an unserem Garten besteht schon seit gut 30 Jahren. Eingeschriebene Briefe, Mails mit Beweisfotos und nun die Anklage vor Bezirksgericht», weiss Lüthold. Dabei habe er immer versucht, einen Konsens zu finden. Ein Besuch bei der Friedensrichterin Susanne Pflüger verlief hingegen erfolglos. In der Hoffnung auf eine gütliche Lösung liess Lüthold trotzdem grosse Teile der Bepflanzung roden gemäss der Forderung des Nachbarn.

20-seitige Anklageschrift
Und nun also der Gerichtstermin. Lüthold musste letzte Woche vor Gericht erscheinen. Vorher galt es, die über 20-seitige Anklageschrift Punkt für Punkt zu beantworten. «Sonst geht der Richter davon aus, dass man mit dem Anklagepunkt einverstanden ist», erklärt Lüthold.
Und so trafen sich die Parteien mit ihrem jeweiligen Anwalt am Montag vor einer Woche um 13.30 Uhr vor Bezirks­gericht, um über Gebüsche, Bäume und kletternden Efeu zu streiten. Eine Sache, die streng nach Gesetz durchaus ihre ­Berechtigung hat, aber doch etwas weit hergeholt wirkt.

Instabile Bäume, Einsturzgefahr
Bei der (öffentlichen) Gerichtsverhandlung unter dem Vorsitz von Dr. Christoph Fuchs listete der Anwalt des Klägers minutiös die negativen Einflüsse von Liguster, Hasel, Hartriegel, Holunder, Stechpalme und natürlich von den Scheinzypressen auf. Er forderte ein Gutachten oder zumindest einen Augenschein vor Ort. Zudem kritisierte er übermässige Feuchtigkeit, welche durch den Schattenwurf an der Fassade des Hauses seines Mandanten auftrete. Zudem warnte er mehrmals vor mög­licher Instabilität und Einsturzgefahr der Bäume.
Der Anwalt von Walter Lüthold brachte die drohende Hitze nach der geforderten Baumfällung ins Spiel, sowie die durch die Rodungen gefährdete Biodiversität. Er sagte, dass die Nachbarhäuser mehr Schatten werfen würden als die Scheinzypressen. Ein Thema waren auch die ortsüblich hohen Bäume, die sich der ganzen Strasse entlangziehen.

Über vier Stunden Verhandlung
Klägerpartei und Gegenseite referierten von 13.30 Uhr – mit einer Pause – bis ­gegen 16.30 Uhr. Dazu kamen Rückfragen des Gerichtspräsidenten. Dann zog sich das Gericht zurück für die Beratung. Für die Urteilsverkündung, die erst ­gegen 18 Uhr erfolgte, war der Chronist nicht mehr zugelassen.
Auch wenn das schriftliche Urteil noch aussteht, schon mal so viel: Es gab einen Vergleich. Und das Urteil lautet ­zusammengefasst so: Die Sträucher entlang der Grundstücksgrenze können bleiben, müssen aber alle zwei Jahre ­zurückgeschnitten werden. Sie dürfen eine Höhe von 2 Metern nicht über­ragen.
Und: Eine der drei grossen Schein­zypressen muss weg und demnach gefällt werden. Die Kosten dafür werden halbiert zwischen den Nachbarn. Zudem müssen sich die beiden Parteien auch die Gerichtskosten teilen.
Der Kläger sagte nach der Verhandlung, er sei zufrieden mit dem Urteil. «Mein Nachbar muss nun die Vorga-
ben bis Ende Oktober umsetzen. Ich bin nicht per se gegen Bäume, darum reicht mir dieser Kompromiss», so der 76-Jährige.

«Eine Katastrophe»
Ganz anders die Reaktion von Walter Lüthold: «Es ist eine Katastrophe, ich bin überhaupt nicht zufrieden.» Dabei habe sogar der Richter gesagt, dass er es ­eigentlich bedauere, dass es solche ­Gesetze gebe. Lüthold wird sich nun dem Urteil fügen müssen und den Gärtner aufbieten.

Kolumne: Ein Nachmittag vor Gericht

Schon kurz nach 13 Uhr befinde ich mich vor dem Bezirksgericht an der Wengistrasse im Kreis 4. Auf einem Teerplatz spielen Jugendliche Basketball. Passanten mit prall gefüllten Migros-Taschen schlurfen vorbei. Das Leben geht seinen ganz normalen Weg, wenigstens ausserhalb der Mauern des Gerichts. Weil ich aber dort reinwill, ist für mich gerade nichts normal. Heute versuche ich mich als Gerichtsreporter. Um 13.10 Uhr klingle ich an der massiven Türe. Ein Anfängerfehler, wie ich rasch bemerke. Durch eine Gegensprechanlage wird mir beschieden, dass die Türe wie immer erst um 13.15 Uhr geöffnet werde. Wenigstens bin ich nicht zu spät. Dann darf ich rein, muss aber meinen Ausweis zeigen. Bei anderen Besuchern scheint das nicht der Fall zu sein. Bin ich ein VIP? Immerhin hat es noch eine weitere Interessierte für den Gerichtsfall «Nachbarschaftsrecht», wie es auf der online aufgeschalteten Liste dieses Nachmittags heisst. Grundsätzlich kann man Gerichtsverfahren also auch als Unbeteiligter beiwohnen – dies als kleiner Veranstaltungstipp. 

Wenige Minuten vor dem angesetzten Gerichtstermin um 13.30 Uhr trudeln auch die beiden Nachbarn ein inklusive Anwälten, jeweils in flottem dunklem Anzug und gegeltem Haar (Ankläger) bzw. eher wilder Mähne (Verteidiger). Die beiden Nachbarn sind so gekleidet, wie wenn sie grad vom lockeren Gartenspaziergang kämen. Beim gross gewachsenen Gerichtspräsidenten stutze ich, als er sich allen freundlich und mit Handschlag vorstellt. Dieser Bündner Dialekt ... und noch Fuchs mit Nachnamen. «Sie haben nicht eine Mutter, die Französischunterricht gab?», frage ich beim In-den Saal-Laufen eher unbedarft. «Aber natürlich!», lacht Christoph Fuchs. Es stellt sich heraus, dass er im Gegenzug zu meinem Vater in den Biologieunterricht ging. Er weiss sogar noch den Kanti-Übernamen meines Vaters. So fühle ich mich schon einiges besser im kühlen Gerichtssaal, auch wenn bei mir ja sowieso die Handschellen nicht klicken.

Ich darf ganz hinten Platz nehmen und einfach zuhören. Die beiden Nachbarn sitzen jeweils ganz aussen, frontal zum Gericht mit Herrn Fuchs, einer Fachrichterin und einer Frau, die fürs Protokoll mitschreibt, besser gesagt, mittippt – in rasantem Tempo. Immerhin wird die Anklageschrift nicht verlesen. Man einigt sich darauf, dass dies nicht nötig sei. Trotzdem wirds nun eher langatmig. Gefühlt je fast eine Stunde dauern die Vorträge von Anklage und Verteidigung, hin und wieder unterbrochen von Nachfragen in kernigem Bündner Dialekt. Unklar bleibt, ob Herrn Fuchs der Fall nun tatsächlich interessiert oder er sich eher nervt. Einen Nachmittag damit zu verbringen, über die Gefährlichkeit von Scheinzypressen zu brüten, ist und bleibt ein Mysterium. Immerhin nickt niemand ein. Als mich einmal die Müdigkeit überfällt, erinnere ich mich an die Funktion von Gerichtszeichnern und beginne zu kritzeln. Zeichnungen kommen in der Schweiz zum Zug, weil hier Fotografieren und Filmen verboten ist. Meine Ergüsse eignen sich zwar nicht fürs Veröffentlichen, aber sie halten mich wach.

Speziell finde ich die Pause. Dies, weil beide Parteien im Gang herumsitzen, sich bewusst nicht in die Augen schauen und eigentlich einfach hoffen, dass es rasch weitergeht. Ich wiederum muss versuchen, nicht Partei zu ergreifen und also mit beiden Nachbarn ein bisschen zu smalltalken. Dass ich bei der Urteilsverkündung nicht dabei sein darf, finde ich ganz okay. So muss ich Triumph und Gram nebeneinander nicht mitansehen.  

Lorenz Steinmann

Lorenz Steinmann