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Stadt Zürich
27.07.2022
27.07.2022 06:43 Uhr

16 000 Einsätze in 2500 Strassen

2019 führte Schutz & Rettung die Kampagne «Kein Job von der Stange!» durch – und einmal mehr gab Ruedi Walther den Medien Auskunft.
2019 führte Schutz & Rettung die Kampagne «Kein Job von der Stange!» durch – und einmal mehr gab Ruedi Walther den Medien Auskunft. Bild: SRZ
Ruedi Walther, 1956 in Zürich geboren, ist einer der bekanntesten Feuerwehrleute der Schweiz. Zum 100-Jahr-Jubiläum der Berufsfeuerwehr Zürich hat er seine Erinnerungen veröffentlicht: ein persönliches, keineswegs reisserisches, manchmal nachdenkliches, ab und zu auch schalkhaftes Buch.

Tobias Hoffmann

Schon oft trat er vor Mikrofone und Fernsehkameras, in einer Staffel der Dokumentarserie «Notruf» des Senders 3+ war er prominent vertreten. Ruedi Walther stand als Einsatzleiter der Feuerwehr viele Male im Brennpunkt der Öffentlichkeit. 1977 war er als Brandwächter ins Zürcher Berufsfeuerwehrkorps eingetreten und stieg im Laufe der Jahrzehnte bis zum Dienstgruppenkommandanten im Rang eines Oberleutnants auf. Ende ­August 2020 wurde er pensioniert. Aus Gesprächen mit dem Führungscoach und Autor Markus Marthaler entwickelte sich danach ein Buch, in dem er ausdrücklich nicht nur von seinen «geilsten» Einsätzen erzählen wollte, sondern auch vom gewöhnlichen Berufsalltag, von gesellschaftlichen Veränderungen, von den tiefgreifenden Umstrukturierungen in der Feuerwehr und auch von persönlichen Erlebnissen. Lokalinfo hat ihn für ein Gespräch in seinem Heim in Schwamendingen besucht.

Ruedi Walther, haben sich die Ausbildungsgänge bei der Feuerwehr im Laufe der Zeit geändert? Sie sagen in Ihrem Buch, es sei früher normal gewesen, vorher eine Lehre zu machen.

Ja. Am besten sollte man damals eine Handwerkerlehre haben. Später hat sich das geändert, es sind sogar Leute mit Studium zu uns gekommen, Lehrer zum Beispiel. Oft Feuerwehrfreaks, die ihr Hobby zum Beruf machen und rasch aufsteigen wollten. Sie haben aber gemerkt, dass die Karrierepyramide relativ spitz war. Die ­einen sind dann auch geblieben, die anderen wieder gegangen.

Was haben Sie für eine Lehre gemacht?

Ich habe Bauzeichner gelernt.

Kein besonders zupackender Beruf ...

Bei den alten Feuerwehrleuten kam das auch nicht so gut an. «Zeichner brauchen wir doch gar nicht!» Und es waren schon zwei Bauzeichner da, als ich kam. Bald ­haben die Kollegen gemerkt, dass man Zeichner sehr gut gebrauchen kann. Wir fingen an, Strassenkarten zu erstellen. ­Zürich hatte damals etwa 2400 Strassen (heute sind es um die 2500); wir haben alle erfasst. Wir machten ein «Handkroki» und einen Anfahrtsbeschrieb zu jeder Strasse. Bei jedem Alarm konnte man dann aus einem Kardex-Regal so ein Kroki ziehen und es dem Führer des vordersten Fahrzeugs übergeben. Die Beschriebe waren immer sehr aktuell, sie entstanden in Zusammenarbeit mit der Polizei. Wenn ­irgendwo eine Baustelle oder sonst ein Hindernis vorhanden war, trugen wir das manuell ein. Nach ein paar Jahren war unsere Dienstleistung nicht mehr wegzudenken. Später wurden die Informationen digitalisiert, aber die alte Kartei führt man meines Wissens immer noch.

Haben Sie einen Eignungstest machen müssen, um in die Feuerwehr aufgenommen zu werden?

Es gab eine kleine Prüfung, wir nannten sie «Tubelitest». Wir mussten einen Aufsatz schreiben – meiner ist im Buch abgedruckt – und einige Rechnungsaufgaben lösen. Die Tests wurden mir bei der Pensionierung ausgehändigt, und ich habe gesehen, dass ich beim Rechnen einen groben Fehler gemacht hatte. Gereicht hat es trotzdem. Ausserdem fand ein manueller Test mit einer Kugelbahn statt. Während des ganzen «Assessments» wurde man vom Feuerwehrinspektor und vom Chef, einem ehemaligen Berufsschullehrer, beobachtet. Der Inspektor machte dauernd Notizen. Auch diese habe ich ausgehändigt bekommen, sie waren sehr interessant ... Heute ist das ganz anders, nur schon der Aufnahmetest dauert einen ganzen Tag. Wer weiterkommt, absolviert einen 24-Stunden-Test in einer Waldhütte, eine Art Überlebensübung unter ständiger Beobachtung. Dabei wird sehr darauf geachtet, wie teamfähig jemand ist.

«Schutz & Rettung» Zürich

1922 wurde in der Zürcher Altstadt eine erste kommunale Brandwache installiert. 1928 entstand daraus eine städtische Abteilung. Vor gut 20 Jahren ging die Berufsfeuerwehr in der neuen Dienstabteilung «Schutz & Rettung» (SRZ) auf. Berufs- und Milizfeuerwehr, Rettungsdienst und Zivilschutz wurden fortan von einer gemeinsamen Einsatz­leitzentrale koordiniert. SRZ führt auch eine Höhere Fachschule für Rettungsberufe, welche die gesamte Deutschschweiz abdeckt. 2008 wurden die bis da privaten Rettungsdienste des Flughafens in SRZ ­inte­griert. 2021 nahm die Einsatzleitzentrale über 143 000 Notrufe entgegen.

Sie schreiben im Buch, dass Ihr Vater dem Feuerwehrkader angehörte und Ihre Aufnahme umstritten war. Warum wollten Sie in die Fussstapfen Ihres Vaters treten?

Es war eine Art Verlegenheitslösung. Man kann es ja heute nicht glauben, aber damals, um 1975, in der Rezession, fand man als Bauzeichner keine Stelle. Ich erinnere mich, dass in meinem letzten Lehrjahr nur die «Stifte» 100 Prozent arbeiteten, alle anderen hatten Kurzarbeit. Ich war also froh, zuerst einmal den Militärdienst machen zu können. Es war dann mein Vater, der zu mir sagte: «Komm doch zu uns!» Es war gar nicht in meinem Sinn, aber ich dachte, ich sehe mir das mal an.

Haben Sie später einmal erwogen, etwas anderes zu machen?

Nein, eigentlich nicht; ich hatte die Möglichkeit, mich innerhalb von Schutz & Rettung zu verändern. Ich bin auch zweimal vorübergehend abgewandert: Einmal wurde ich ins OK der Euro 08 berufen. Für ein Jahr bin ich aus der Schicht gegangen. Ich kümmerte mich unter anderem um das Problem der durch die Limmat zweigeteilten Stadt. Auf der nördlichen Seite hatten wir keinen Stützpunkt. Wenn es Einsätze dort gab, mussten die Fahrzeuge auf den Fanmeilen entlang der Limmat fahren, mit vielen Leuten, Ständen, Bars usw., und das war sehr schwierig. Meine Aufgabe war es, eine temporäre Wache ennet der Limmat im Schulhaus Rämibühl zu konzipieren. Dafür hatte ich praktisch freie Hand. An den Spieltagen war dann natürlich Hochbetrieb. Wir hatten acht zusätzliche Rettungsfahrzeuge und einen Löschzug bereit. Danach musste ich mein Knie operieren lassen, das beim Fussballspielen über die Jahre gelitten hatte. Anschliessend wurde ich bei Schutz & Rettung Ausbildungsverantwortlicher der Wache Süd an der Weststrasse in Wiedikon.

Hat das bedeutet, dass Sie gar nicht mehr an Einsätzen teilgenommen haben?

Zuerst dachte ich, ich würde nicht mehr zurückkehren. Aber 2012 hat es mich doch gejuckt, wieder in den Schichtbetrieb zu gehen, und weil ich mit dem Chef ein Abkommen getroffen hatte, jederzeit zurückkehren zu können, klappte das. Und sogar in dieselbe Gruppe, aus der ich gekommen war.

Mich hat in Ihrem Buch besonders die ­Beschreibung fasziniert, wie die Mannschaft alle Instandsetzungsarbeiten in ­einer ganzen Reihe von Werkstätten selber durchführte. Wie ist das heute?

Die Werkstätten gibt es immer noch, aber durch die zunehmenden, täglichen Trainings und Einsatzübungen bleibt immer weniger Zeit für Unterhaltsarbeiten. Es werden aber immer noch diverse Schreiner-, Sattler- oder Metallarbeiten durch die Fachverantwortlichen ausgeführt. Natürlich musste man nach einem Einsatz die Gerätschaften «retablieren», aber repariert wurden sie immer häufiger auswärts. Früher haben die Feuerwehrleute auch die Fahrzeuge selbst repariert. Aber ein solches Fahrzeug kann man nicht allzu lange ausser Betrieb setzen. Man konnte dann nicht mehr zulassen, dass ein Fahrzeug manchmal eine Woche lang auf dem Bock stand ...

Verlosung

Die Lokalinfo verlost drei Exemplare von Ruedi Walthers und Markus Marthalers Buch «Ein halbes Leben und etwas mehr».

Um an der Verlosung teilzunehmen, einfach das folgende Formular mit der Betreffzeile «Ruedi Walther» ausfüllen. Teilnahmeschluss ist der 22. August.

Keine Korrespondenz über die Verlosung. Rechtsweg ausgeschlossen. Die Gewinner der Verlosung werden dem Ausschreiber bekannt gegeben.

Nun doch noch zu den Einsatzschilderungen in Ihrem Buch. Sie erzählen von einer erschütternden Frontalkollision, nach der drei kleine Kinder über die toten Eltern hinweg aus dem zerstörten Auto befreit werden mussten. Fährt die Feuerwehr bei jedem schweren Unfall an den Unfallort?

Früher kam es häufiger vor, dass Personen aus Fahrzeugen befreit werden mussten. Der Verkehr bzw. die Fahrzeuge sind heute einiges sicherer als früher: Temporeduktionen sowie die Konstruktionsweise und die Sicherheitseinrichtungen der Autos haben dazu beigetragen. Oft wird die Feuerwehr bei Kollisionen mit Personenschäden aufgeboten. Das ist im Ermessen der Einsatzzentrale oder der ­Polizei, die uns alarmiert. Seit die Sanität und die Feuerwehr der gleichen Einsatzzentrale unterstehen, wird die Feuerwehr meistens auch aufgeboten. Da wir kaserniert sind und die Polizei immer unterwegs, ist sie in der Regel schneller vor Ort, wir werden dann «nachalarmiert».

Die Anzahl der Elektroautos wird in Zukunft stark zunehmen. Wo ist die Brandgefahr grösser, bei einem Benziner oder einem Elektroauto?

Konventionell betriebene Fahrzeuge sind viel sicherer geworden. Ich würde nicht behaupten, dass Elektroautos häufiger brennen – doch wenn sie brennen, entstehen toxische Gase, und der Brand lässt sich schwer löschen. Man muss neue Interventionstechniken anwenden. Aber das betrifft nicht nur Autos. Ich habe mal einen Fall in der Badi Tiefenbrunnen gehabt, wo ein grosser Elektrolaubbläser in Brand geriet; in der ganzen Herrengar­derobe entwickelte sich dicker Rauch. Es dauerte lange, bis man die Leute wieder hineinlassen durfte. Wir haben auch Hotelzimmer gesehen, die wegen eines brennenden Handy-Akkus voller Rauch waren und wo es enormen Brandschaden gab. Bei den Autos existiert noch ein anderes Problem: die Airbags. Anfangs war es für alle Helfer äusserst gefährlich, wenn man nach Kollisionen unausgelöste Airbags antraf, denn sie konnten sich während der Bergung noch lösen. In der Anfangszeit kursierten Bilder aus den USA, die einen Feuerwehrmann zeigten, der sich zu der verletzten Person im Wagen hingeneigt hatte; als der Airbag ausgelöst wurde, schlugen die Köpfe der beiden zusammen. Aber auch das ist heute besser geworden, und wir wissen, wie wir uns verhalten müssen. Ein Restrisiko bleibt aber immer.

Erlauben Sie mir zum Schluss noch eine etwas reisserische Frage: Ist einmal ein Kamerad neben Ihnen im Einsatz gestorben? Oder anders gefragt: Wie gefährlich lebt man als Feuerwehrmann in Zürich?

2007 ereignete sich in Zürich ein Brand im Zunfthaus Zimmerleuten, bei dem das erste und einzige Todesopfer während ­eines Löscheinsatzes zu beklagen war. Ich selber war nicht im Einsatz und rückte erst auf das Nachaufgebot ein. Dieser tragische Vorfall eines Berufskollegen hat uns alle tief betroffen gemacht und aufgezeigt, wie gefährlich unser Job eben doch sein kann, auch wenn wir grössten Wert auf Sicherheit bei der Arbeit legen.

Ruedi Walthers Erinnerungen

Walthers Buch enthält lebendige Schilderungen seines Berufsalltags inklusive zahlreicher Beschreibungen von Einsätzen, des gesellschaftlichen Wandels, der zum Teil einschneidenden organisatorischen Entwicklungen der Feuerwehr und privater Erlebnisse. Entstanden ist es in Zusammenarbeit mit Markus Marthaler, der als selbstständiger Führungscoach und Autor arbeitet. Das eigenfinanzierte Buch ist keine offizielle Publikation von Schutz & Rettung Zürich.

Ruedi Walther und Markus Marthaler: «Ein halbes Leben und etwas mehr».
131 Seiten, keine Abbildungen. Preis Fr. 25.– (Fr. 5.– als Spende an die Stiftung Sternschnuppe). Bestellung online unter www.marthaler.blog/shop

Tobias Hoffmann