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Freizeit
03.08.2022
05.08.2022 11:24 Uhr

Jetzt galoppieren die Pferdchen wieder

In liebevoller Kleinstarbeit ersetzte Werner Hofmann jedes Schräubchen, jedes Lämpchen.
In liebevoller Kleinstarbeit ersetzte Werner Hofmann jedes Schräubchen, jedes Lämpchen. Bild: Jeannette Gerber
Fünf Jahre lang musste die Voliere Mythenquai am Stadtzücher Seeufer auf ihren allseits beliebten Musikautomaten verzichten. Werner Hofmann hat ihn in 500 Stunden restauriert – gratis: «Ich habe es getan, um einen Zeitzeugen am Leben zu erhalten.»

Jeannette Gerber

Normalerweise kommen Menschen in eine Voliere, um exotische Vögel zu er­leben. Doch hier am Mythenquai gab es Eltern mit Kindern, die explizit wegen des ebenso exotischen wie kulturhistorisch wertvollen Relikts aus der Vergangenheit kamen: dem Musikautomaten mit dem Karussell, der Gigampfi und den tanzenden Puppen, die sich nach Einwurf eines Zwanzigrappen-Stücks im Klang der Musik bewegten.

Das Werk, beziehungsweise die Musikdose, wurde 1880 von den Baud Frères in L’Auberson VD hergestellt und 1957 in den Musikautomaten eingebaut. Doch der Holzwurm und anderes Ungeziefer hatten in diesen langen Jahren Holz und Stoff angefressen.

Elisabeth Schlumpf, Geschäftsführerin der Voliere, wollte diesen Verlust nicht hinnehmen, nicht zuletzt, weil dieser Automat der einzige im Kanton Zürich ist. Sie wandte sich an Werner Hofmann, Restaurator von mechanischen Instrumenten, und bat um seine professionelle Hilfe.

Blumenstrauss als Dankeschön

Hofmann war einverstanden und restaurierte das Werk mit Seltenheitswert im Klangmuseum Dürnten in einem persönlichen Zeitaufwand von 500 Stunden, und dies erst noch unentgeltlich. Auf die Frage, ob er das für die Voliere, die sich die Kosten ohnehin nicht hätte leisten können, getan habe, antwortete er: «Ich habe es getan, um einen Zeitzeugen am Leben zu erhalten.»

In liebevoller Kleinstarbeit ersetzte Werner Hofmann jedes Schräubchen, jedes Lämpchen und jedes noch so kleine Stofffetzelchen und führte mit grosser Präzision jeden Pinselstrich. Zum Dank dafür erhielt er von der Voliere Gesellschaft einen grossen Feldblumenstrauss für seine Ehefrau.

2 Vögel abgegeben, 4 ausgewildert

Stolz führte Werner Hofmann sein Werk vor, indem er 50 Rappen – der Preis ist inzwischen gestiegen – einwarf und sich alles im neuen Lichterglanz zur Musik zu drehen begann: Die Pferdchen galoppierten, die Püppchen tanzten und die Wippe schaukelte wieder. Es war alles wie früher, nur schöner.

Seine Augen leuchteten, und sicher wird das Wunderwerk in Zukunft noch viele Kinderaugen zum Leuchten bringen. Über dem Automaten hat Hofmann einen kleinen Bildschirm montiert, auf dem man den maroden Zustand vor der Restauration sehen kann.

  • 500 Arbeitsstunden hat Restaurator Werner Hofmann in den Musikautomaten der Voliere Mythenquai investiert. Bild: Jeannette Gerber
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  • Geschäftsführerin Elisabeth Schlumpf vor der Voliere. Bild: Jeannette Gerber
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  • Das neue Papageien-Paar, das die Voliere vom Karls­ruher Zoo übernehmen konnte. Bild: Jeannette Gerber
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Da die Installation des Automaten eine gewisse Zeit in Anspruch nahm, wurde die Autorin Zeugin, was in der Voliere so alles abgehen kann. Es wurden zwei in Not geratene Vögel abgegeben: Der eine – ein junges Spätzchen – war aus dem Nest gefallen. Der zweite – eine Amsel – war im Maul einer gefrässigen Katze gelandet. Beide konnten von aufmerksamen Menschen gerettet werden.

Auf die Frage, ob es in letzter Zeit erwähnenswerten Neuzugang gegeben habe, meinte Voliere-­Geschäftsführerin Schlumpf: «Wir durften ein junges Forstenlori-Paar vom Karls­ruher Zoo übernehmen. Ein wunderschönes farbiges Paar aus der Familie der Papageien. Schön wäre es, wenn die beiden in naher Zukunft für Nachwuchs sorgten.»

Danach durfte die Autorin miterleben, wie vier riesige Mittelmeermöwen – die doppelt so gross wie die einheimischen Möwen sind – am Seeufer von Elisabeth Schlumpf und Tierpfleger Marc Stähli nach mehrmonatiger Pflege wieder ausgewildert wurden. Irgendwie wollten die vier Möwen nicht so richtig, sie zierten sich und wollten gar nicht wegfliegen. Ist natürlich angenehmer, sich von Tierpflegerinnen- und -pflegern umsorgen und füttern zu lassen, als sich selbst zu versorgen. Doch sicher werden sie bald die wiedergewonnene Freiheit entdecken.

Jeannette Gerber