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Kultur
25.08.2022
16.09.2022 08:36 Uhr

ZFF-Chef: «Ich schaue vier bis fünf Filme pro Tag»

«Ich bin frankophil und liebe das französische Kino, weil es weitgehend ohne Waffen und Gewalt auskommt, dafür gibt es mehr Liebe und Sex», sagt Christian Jungen, Festivalleiter des Zürich Filmfestivals.
«Ich bin frankophil und liebe das französische Kino, weil es weitgehend ohne Waffen und Gewalt auskommt, dafür gibt es mehr Liebe und Sex», sagt Christian Jungen, Festivalleiter des Zürich Filmfestivals. Bild: Thomas Niedermueller/Getty Images for ZFF
Christian Jungen befindet sich in seinem dritten Jahr als Festivalleiter des Zurich Film Festival (ZFF). Wie es ihm einige Wochen vor dem Start so ergeht, wie das Programm zusammengestellt wird und welche Filme er mag, hat uns der ZFF-Chef im Gespräch verraten.

Tanja Lipak

Christian Jungen, in ein paar Wochen geht es los mit der 18. Ausgabe des Zurich Film Festival (ZFF), der dritten Ausgabe mit dir als Leiter. Wie geht es dir?
Jetzt ist die heisse Phase, in der täglich Meldungen mit Bestätigungen oder Absagen kommen. Aufgrund von Covid wurden viele Drehs verzögert oder verschoben, so sind die Titel viel später fertig. Wir sehen viel mehr Rohschnitte als in den letzten Jahren und schauen sehr viele Filme.

Heisst das, dass du jeden Film gesehen haben wirst?
Etwa 90 Prozent der Filme. Wir zeigen ca. 160 Filme und schauen im Zuge der Programmation 3200 Filme an. Wir haben ein Vorkostersystem und nicht jeder Film kommt bis zu mir. In dieser Phase sind es ca. vier bis fünf Filme, die ich pro Tag schaue.

Früher als Filmjournalist konntest du Filme bewerten. Nun geht es beim ZFF nicht nur um deinen Geschmack.Wie gehst du damit um?
Wir haben ein Team von neun Programmern, das sehr divers zusammengestellt ist. Wir diskutieren, und wenn die Mehrheit findet, dass der Film gut ist, dann laden wir die Filmemacher ein. Ich bin ein Gegner von expliziter Gewalt oder sogar Gewaltverherrlichung, da würde ich sicher mein Veto einlegen. Ich mag Filme wie «Green Book» oder «La La Land». Ich nenne es intelligentes Hollywoodkino.

Das Kongresshaus ist mit über 1000 Plätzen und der grössten Leinwand der Schweiz neu als Aufführungsort Teil des Festivals. Liegt das Motiv für die Wahl des Kongresshauses im Filmerlebnis, dass die Zuschauer merken, dass es doch anders ist als zu Hause?
Wenn du mich zu irgendeinem Film aus den Neunzigerjahren befragen würdest, beispielsweise «Before Sunrise» oder «Titanic», ich kann dir genau sagen, wo ich den Film gesehen habe und mit wem. Filme, die ich im Kino gesehen habe, prägen sich mir immer viel besser ein. Ich habe den Kontext besser in Erinnerung, als wenn ich ihn auf dem iPad streame. Und wenn ich auf einem Flughafen auf dem iPad ­einen Film schaue, verschwindet der viel schneller aus meinem Gedächtnis. Dann memorisiere ich Bilder viel schlechter. Es ist auch eine kulturelle Errungenschaft des Abendlandes, dass man Dinge zusammen erlebt. Egal, ob es sich dabei um Theater oder Kino handelt. Das Schöne am Kino ist ja, dass man einen Film mit fremden Menschen schaut und über die Emotionen zusammen verbunden wird. Weil man zusammen lacht, zusammen weint oder zusammen erschrickt.

Wie einfach ist es, die grossen Stars nach Zürich zu locken?
Wir sind nun in unserer 18. Ausgabe, wir sind immer noch ein Teenager, wir können immer noch frech sein, sind aber auch schon erwachsener als vorher. Da schon viele grosse Stars Zürich besucht haben, macht es dann auch einen viel grösseren Eindruck, wenn man jemanden einlädt und sagen kann: «Diesen Preis haben vorher Sharon Stone, Juliette Bi­noche oder Cate Blanchett erhalten.» Dann weiss der Star, dass wir relevant sind. Dies spielt immer eine grosse Rolle. Aber bei uns ist die Stadt auch ein Magnet. Ich bin immer wieder überrascht, wie gerne die Amerikaner wegen Zürich selbst anreisen. Für die einen ist das Dolder das Nonplusultra, die anderen freuen sich auf das Kunsthaus und Hugh Jackman fuhr mit dem Velo um den Zürichsee.

Spanien ist dieses Jahr Gastland am ZFF. Was beeindruckt dich am spanischen Kino?
Es gibt eine neue Generation von Filmemachern, insbesondere weiblichen Filmemacherinnen, die von den Spannungen in der Gesellschaft erzählen, häufig in familiären Konstellationen. Spanien ist ein sehr spannendes Land, es ist sehr progressiv, vor allem was die LGBT-Themen betrifft, trotz Präsenz der Kirche. Auf der anderen Seite gibt es sehr viel «un­finished business», beispielsweise zur Franco-Zeit. Die Aufbereitung des ETA-Terrorismus im Baskenland ist auch so ein Thema. Nun scheint genügend Zeit vergangen zu sein, damit man sich dieser Themen annehmen kann. Es ist ein Kino, das vibriert.

Wenn du einen Film drehen könntest, was für ein Film wäre das?
Man hat mir immer gesagt, ich hätte einen Frauenfilmgeschmack, ich würde, glaube ich, eine Romanze machen. Ich würde schon in eine Richtung gehen wie «Before Sunrise». Ich bin frankophil und liebe das französische Kino, weil es weitgehend ohne Waffen und Gewalt auskommt, dafür gibt es mehr Liebe und Sex.

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit dem Zürcher Online-Kultur-Magazin Bäckstage.ch

Verlosung

Lokalinfo verlost 5 × 2 Tickets für das Zürich Filmfestival, das vom 22. September bis 2. Oktober stattfindet.

Um an der Verlosung teilzunehmen, einfach das folgende Formular mit der Betreffzeile «ZFF» ausfüllen. Teilnahmeschluss ist der 11. September.

Keine Korrespondenz über die Verlosung. Rechtsweg ausgeschlossen. Die Gewinner der Verlosung werden dem Ausschreiber bekannt gegeben.

Tanja Lipak