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Stadt Zürich
06.08.2022
06.08.2022 13:29 Uhr

Beton und Gras: Der Kreis 5 als Golfrevier

Ganz schön viel Schwung beim Urban-Golf-Test: Lokalinfo-Praktikantin Rahel Köppel im Quartierpark Schütze.
Ganz schön viel Schwung beim Urban-Golf-Test: Lokalinfo-Praktikantin Rahel Köppel im Quartierpark Schütze. Bild: Lorenz Steinmann
Im Industriequartier befindet sich momentan das «Urban Golf» in der Testphase; organisiert wird es vom Sportzentrum Josef. Noch bis Ende Oktober kann man gratis vom neuen städtischen Angebot profitieren. Golfanfänger Tobias, Lorenz und Rahel von Zürich24 haben es getestet.

Rahel Köppel und Tobias Hoffmann

Einige etwa 12-jährige Jungs warten vor der Tür. Was sie denn vorhaben, fragen wir. Fussball spielen! Zwei Hallenfussballfelder gibt es im Sportzentrum Josef, das im März 2021 in der Shedhalle der ehemaligen Zentralwäscherei neben der ausrangierten Kehrichtverbrennung eröffnet worden ist. Punkt 16.30 Uhr wird die Tür geöffnet, die Jungs drängen an uns vorbei. Für uns drei – Rahel, Lorenz und Tobias von der Lokalinfo-Redaktion – ist die Halle nur Ausgabestelle. Ein Mitarbeiter des städtischen Sportamts händigt uns Golfschläger, je zwei Bälle in verschiedenen Farben, ein kleines Stück Kunstrasen und je einen «Bäseli» genannten Ballhalter aus, nebst einer Spielkarte, die auch einen Plan des Parcours und eine Score-Tabelle enthält. Formular ausfüllen, ID deponieren – und hinaus gehts ins Industriequartier. Es ist ein sonniger Nachmittag, nicht zu heiss, aber eine Mütze muss sein.

Ein Mitarbeiter des Sportamts stellt uns das Urban-Golf-Material zusammen. Bild: Lorenz Steinmann

«Urban Golf» heisst das Freizeitangebot der Stadt, das man seit Mitte Juni gratis nutzen kann. Zwischen Industrierelikten und den vielen in den letzten Jahren entstandenen Gebäudekolossen sollen wir doch tatsächlich Golf spielen! Niemand von uns kann sich vorstellen, wie das funktionieren könnte. Und alle drei haben wir ein bisschen Angst, uns zu blamieren – vor den Passanten und voreinander ... Rund eineinhalb Stunden dauere der Parcours, hatte der Mann vom Sportamt geschätzt. Wir blutigen Anfänger sind da eher skeptisch. Und entgegen der Route auf dem Plan fangen wir mit dem nächstgelegenen Abschlag an, der eigentlich der letzte wäre, die Nummer 9.

Erstes «Loch»: Viadukt

Beim Viadukt ist es die Aufgabe, mit dem Golfball einen Abfalleimer zu treffen. Die Schwierigkeit dabei ist, dass a) der Abfalleimer nicht sichtbar ums Eck steht und b) der Boden alles andere als eben ist. Somit haben Lorenz und Rahel Probleme, den Eimer zu treffen, und der Ball rollt immer wieder brav zu seinem Startpunkt zurück. Tobias hingegen hat den Dreh, beziehungsweise den Wurf, schnell raus und erreicht das Ziel mit zwei Schlägen. Nach einigen erfolglosen Versuchen einigen wir uns darauf, dass auch 10 Zentime- ter neben dem Abfalleimer als «getroffen» gelten. Die Bahnen 7 und 8 sind – vorübergehend oder dauerhaft? – aufgrund Bedenken der Anwohnerinnen und Anwohner geschlossen, also ziehen wir los, zu Bahn Nummer 6.

Zweites «Loch»: Quartierpark Schütze

Es folgt ein ausgesprochenes Kontrastprogramm! Man nimmt Position auf den Steinstufen am westlichen Rand des Parks und hat gegen Osten die ganze weite Spielwiese vor sich. Zum Glück ist sie leer. Die Fussballerjungs ziehen halt die Halle vor ... Das Ziel ist ein Laternenpfahl, etwa 70 Meter entfernt – richtiges Golf-Feeling! Nur zeigen sich hier sofort unsere Grenzen: Wir versuchen uns im schwungvollen Abschlag, hauen aber erst einmal Löcher in die Luft. Doch irgendwann spedieren wir die Bälle ein, zwei, drei Dutzend Meter weiter. Auf der Wiese kommt dann der Kunstrasenblätz zum Einsatz. Wir finden bald heraus, dass er ohne den Abschlaghalter eher stört.

Richtiges Golf-Feeling kommt in der urbanen Weite des Quartierparks Schütze auf. Bild: Lorenz Steinmann

Obwohl wir stümpern, fühlen wir uns wohl: Das urbane Umfeld – ein bisschen wähnt man sich irgendwo in den USA – ist stimulierend, wir können ungestört experimentieren. Ein erster Höhepunkt. Nun haben wir ein rechtes Stück Weg vor uns, wir müssen in den ganz wilden Westen jenseits der Hardbrücke wechseln. Wir absolvieren den Parcours nun in der Gegenrichtung. An der Nummer 5 gehen wir aus Versehen vorbei und peilen, angesichts unseres schleppenden Tempos, gleich die Nummer 4 an, die sich am Gleisbogen an der nördlichen Ecke des Bürokomplexes Westpark befindet.

Drittes «Loch»: Westpark

Angekommen beim Westpark, müssen wir erst einmal herausfinden, wo genau sich der Abschlagsort befindet. Nach einigen Kalkulationen und einem Blick auf das Bild auf der Website sind wir bereit. Lorenz zögert nicht und katapultiert den Ball mit einem kräftigen Schlag an eine Scheibe des Bürogebäudes. Ein Glück, dass die Urban-Golf-Bälle weicher sind als die originalen ...

Eine Schwierigkeit an diesem Standort ist die grosse Menge an Gestrüpp, das sich zwischen Start und Ziel befindet. Mehr als einmal müssen wir unsere Bälle zwischen hohen Gräsern und Bäumen suchen. Hier lernen wir, dass wir den Ball nicht immer mit einem geraden Schlag ans Ziel bringen können, sondern manchmal auch Umwege nötig sind, um pflanzliche oder menschliche Hindernisse in der Schussbahn zu vermeiden.

Diese Bahn gibt uns auf jeden Fall viel zu lachen – der Bürokomplex, den Lorenz als Umleitungsobjekt nutzt, die ewige Ballsuche und die Quartierbevölkerung, die auf den Bänken das schöne Wetter geniesst. Sie ist auch die schwierigste von allen: Auf der Scorecard ist sie mit «Par 5» gekennzeichnet, das heisst, ein erfahrener Spieler braucht im Schnitt fünf Schläge bis ins Ziel. Wir haben mit dem Zählen inzwischen aufgehört und schätzen nur noch, wenn überhaupt. Wir lassen jeden sportlichen Ehrgeiz vermissen ... Unglaublicherweise ohne Ballverlust machen wir uns auf zum nächsten Abschlagsort, der sich in der Höhe befindet.

  • Darstellung des Abschlags auf der Gleisbogenbrücke auf der Website des Sportamts. Bild: Sportamt Stadt Zürich
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  • So wird das Ziel bei der Gleisbogenbrücke auf der Website des Sportamts dargestellt. Bild: Sportamt Stadt Zürich
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Viertes «Loch»: Gleisbogen-Brücke

Schon der Anmarsch ist spektakulär: Beim Hochsteigen auf der Treppe zur Gleisbogenbrücke bietet sich ein faszinierender Blick durch die Metallstreben der Brücke hindurch auf die Hochhäuser dahinter. Lorenz, der nicht nur Mitspieler, sondern auch Hoffotograf ist, lässt den Auslöser seiner Kamera dauerklicken. Am Ende der Brücke, vor dem Abstieg, befindet sich die Abschlagstelle. Das Ziel, den Brunnen unten auf dem Platz, hat man perfekt im Blick, nicht aber den Passantenstrom. Wir schicken Lorenz als Aufpasser hinunter. Nach ein paar Mal innehalten kommen wir alle zum Abschlag und ziemlich schnell ins Ziel. Hier ist Par 3 angegeben, und so weit davon entfernt sind wir nicht. Aber der Stolz hält nicht lange an und ist schon bei den ersten Schlägen an der nächsten Spielbahn verflogen.

Fünftes «Loch»: Pfingstweid-Park

Dort gibt es nämlich erneut wieder einige natürliche Hindernisse. Menschen, Kinder und sogar Hunde tummeln sich auf der Wiese, die sich genau in unserer Schussbahn befindet. Bevor wir anfangen, warten wir einige Minuten, bis potenzielle Schussopfer aus dem Weg sind. Das wäre jedoch gar nicht unbedingt nötig gewesen; Rahel feuert den Ball mit vol ler Wucht ins nächstgelegene Gestrüpp, während Lorenz seinen Ball auf den Weg neben dem Park befördert. Das Suchen der – zum Glück knallig gefärbten Bälle – ist auch «part of the game».

Das Suchen des Balls ist Teil des Spiels – und kann sehr gesellig sein. Bild: Lorenz Steinmann

Trotz dieser Widrigkeiten schaffen es alle drei, das Ziel, einen Abfalleimer, zu erreichen. Tobias und Rahel direkt über die Wiese, Lorenz auf Umwegen.

Sechstes «Loch»: Gleisbogen

Am Ende des Parks, gleich um die Ecke, befindet sich die für uns letzte, für korrekte Spieler erste Bahn. Man ist wirklich am Gleis hier, nur durch einen Gitterzaun von ihm getrennt. Wir treffen ein paar junge Männer an, die alle ihren Ball zu suchen scheinen. Einer erzählt uns, er habe ihn über den Zaun geknallt. Einen Ersatzball bekommt man, aber wenn es schon auf der ersten Bahn so losgeht ...

Die Spielkarte gibt den Abschlagort an: «Mitte Sitzbank». Aber welche nur? Wir probieren aus, legen das Bäseli auf eine von ihnen, aber das erscheint merkwürdig. Erst die Abbildung auf der Website klärt uns auf: Man schlägt vom Boden aus ab, auf der Höhe der mittleren Sitzbank.

Hier ist Urban Golf fast wie Minigolf, wir müssen, wie zu Beginn, mit Feingefühl spielen. Rahel wächst über sich hinaus und trifft mit dem zweiten Schlag bereits das Ziel, einen Zürisack-Abfalleimer. Da wir bei der Buchhaltung kläglich versagt haben, erklären wir Rahel kurzerhand zur Siegerin – nach ungefähr drei Stunden, bei nur sechs Bahnen ...

Bei dieser Bahn fühlt sich Urban Golf wie Minigolf an – nur das Loch fehlt. Bild: Lorenz Steinmann

Müde Spieler und zerstörte Bäseli

Nachdem wir in Frau Gerolds Garten auf unsere Golfkünste angestossen haben, kehren wir ins Sportzentrum Josef zurück, um das Material – noch alle Bälle, jedoch drei zerzauste Bäseli – abzugeben. Erschöpft, aber gut gelaunt, beenden wir unser Abenteuer. Wir werden wiederkommen – und dann ganz sicher in der korrekten Reihenfolge spielen. Und korrekt zählen. Und besser treffen.

Neues Angebot des Sportamts: Urban Golf

Seit Mitte Juni und noch bis Ende Oktober läuft im Industriequartier ein Pilotprojekt des Sportamts Zürich mit Urban Golf. Anders als im richtigen Golf gibt es kein aufwendig hergerichtetes Areal, sondern es wird inmitten der unveränderten Stadtlandschaft gespielt. Das Ziel ist meistens ein Abfalleimer, manchmal ein Brunnen, manchmal ein Laternenpfahl, jedoch nie ein veritables Loch. Konzipiert hat das Sportamt einen Parcours mit 9 Abschlägen – wir wollen sie scherzhaft «Löcher» nennen –, von denen jedoch zwei momentan nicht bespielbar sind.

Da im öffentlichen Raum gespielt wird, wo sich die Passanten frei bewegen dürfen, hat das Sportamt einen Verhaltenskodex formuliert. Zum Beispiel ist man angehalten, eine Spielbahn auszulassen, wenn sie «zu stark frequentiert» ist, und sollte sich stets vergewissern, dass niemand gefährdet werden kann. Gemindert ist die Gefährdung durch den ziemlich weichen Ball, der, wie versichert wird, keine Scheibe einzuschlagen vermag.

Zürich ist nicht die erste Stadt, die Urban Golf anbietet. Die Stadt Winterthur hat 2018 die Pilotphase mit einem 9-Loch-Parcours gestartet, 2020 hat sie den Betrieb verlängert. Die Winterthurer Erfahrungen – unter anderem wurde ein weicherer Ball eingeführt – waren für Zürich sicher von grossem Nutzen. In Winterthur kostet das Spielen für Erwachsene 15 Franken. In Zürich ist es während der Testphase gratis. Mit dem Zürcher Angebot werden auch unerfahrene Golfer und sogar völlige Anfänger angesprochen. Wie sich das Spiel für Anfänger, die früher höchstens ab und zu Minigolf gespielt haben, «anfühlt», können Sie im Erlebnisbericht lesen.

Weitere Informationen, Spielregeln und Beschreibungen der Bahnen finden Sie unter

www.sportamt.ch/urban-golf

Rahel Köppel und Tobias Hoffmann