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Zürich Nord
31.08.2022

«Literarische Tupfer»: Nostalgisch, spannend, humorvoll

Rund 100 Personen lauschten den Geschichten.
Rund 100 Personen lauschten den Geschichten. Bild: Pia Meier
Erstmals organisierten die Bücherfreunde Schwamendingen einen Quartierrundgang mit Lesungen diverser Autoren. Das Interesse war überwältigend.

Pia Meier

Um die 100 Personen fanden sich auf dem Schwamendinger Platz ein, dem Treffpunkt für den Quartierrundgang mit dem Titel «Literarische Tupfer». Rolf ­Waeger, Präsident der Schwamendinger Bücherfreunde, zeigte sich nicht überrascht über den Grossaufmarsch. Er habe schon im Vorfeld vom grossen Interesse gehört. Trotzdem sei offen, ob dieser erstmals durchgeführte Quartierrundgang auch in Zukunft stattfinde. Sie würden es noch besprechen.

Grund für das grosse Interesse war wohl die spannende Autorenrunde: Urs Bobst, Renata Huonker, Gerold Lauber, Dorothea Zingg und Emil Zopfi. Ausser Zingg wohnen alle in Schwamendingen. Aber auch Zingg hat einen Bezug zum Quartier, nämlich zum Kleintheater 12.

Auf dem Weg durch das Zentrum von Schwamendingen lasen diese fünf Autorinnen und Autoren an verschiedenen Standorten eigene Texte vor. Die Orte ­hatten die Organisatoren ausgewählt, wie Rita Ryffel, die zusammen mit Angelika Kleinert den Anlass organisierte, festhielt. «Wir suchten nach Orten, wo es ruhig ist und wo wir bei Regen unterstehen können.»

Schwamendingen anno dazumal

Urs Bobst erzählte bei der Siedlung der Genossenschaft Gewobag an der Heerenwiesen von Schwamendingen anno dazumal. Er war 1946 als Einjähriger mit der Familie nach Schwamendingen in die Probstei gekommen. Der Grafiker und Werbefachmann ging anschaulich auf die damalige Zeit ein. Dazu gehörte, dass Siedlungen früher Kinderparadiese mit viel Spielfläche waren, dass die Schwamendinger, weil sie kein Freibad hatten, ins Allenmoos oder nach Wallisellen gehen mussten, dass es eine Sprungschanze gab und Seifenkisten gebaut wurden. Bobst erwähnte auch den einfachen Wohnkomfort und das Gemüse und das Obst in den Gärten. «Ich beschrieb in meiner Lesung die Situation im Quartier während 10 bis 15 Jahren nach meiner Ankunft in Schwamendingen», hielt er fest.

Alter Schuhmacher und Flüchtling

Bei der katholischen Kirche las Dorothea Zingg aus ihrem Werk vom alten Schuhmacher. Dieser gibt Anna, einer jungen Frau, nicht ihre Schuhe zurück, sondern leuchtend rote Schuhe. Obwohl sie ihr gar nicht gehören, nimmt sie sie mit. Die hochhackigen Schuhe bringen ihr Komplimente und Glück. So lernte sie einen faszinierenden Mann kennen. Die roten Schuhe spielen in der ganzen Geschichte eine wichtige Rolle. Zingg, ehemalige Lehrerin, schreibt seit ihrer Pensionierung Kurzgeschichten.

  • Auf dem Rundgang lasen Renata Huonker, … Bild: Pia Meier
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  • … , Dorothea Zingg, … Bild: Pia Meier
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  • … Urs Bobst, … Bild: Pia Meier
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  • … Emil Zopfi … Bild: Pia Meier
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  • … und Gerold Lauber.  Bild: Pia Meier
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Beim Schulhaus Stettbach las Renata Huonker, ehemalige Pfarrerin, aus ihrem unveröffentlichten Werk «Der Flüchtling». «Diese Geschichte beruht auf einer wahren Grundlage», hielt sie fest. Sie erzählt vom 17-jährigen Anton, der sich am 25. August 1944 bei Waldshut aufhält. Dort überlegt er sich, wie er über den Rhein in die Schweiz kommt. Da er noch warten muss, bis es eindunkelt, macht er sich ­Gedanken über die Gestapo, die Eltern, die Arbeit. Huonker möchte das Werk baldmöglichst veröffentlichen.

Krimi im Friedhof

Im Friedhof Schwamendingen las Schriftsteller Emil Zopfi aus dem Krimi «Tod am Tangoball». Von den acht kurzen Krimis handelt einer in Schwamendingen. Er erzählt die Geschichte von einem Tanguero, der beim Showtanz zusammenbricht und stirbt, und einer Tänzerin, die verschwindet. Die Polizei sucht nach der ­geheimnisvollen Frau mit dem falschen Namen Anna, doch ihr Tanzpartner hält dicht, denn im Tango spielt nur der ­Augenblick. Ein Kriminaltango in der «Ziegel­hütte» in Zürich Nord. Zopfi lebt seit zehn Jahren in Schwamendingen.

Unterhaltsame Kolumnen

Beim reformierten Kirchgemeindehaus las alt Stadtrat Gerold Lauber vier seiner insgesamt 71 «Tagblatt»-Kolumnen vor. Lustig war jene von der Amsel, die mit ihrem Schnabel ans Fenster pochte. Humoristisch waren auch die zwei anderen Kolumnen, jene vom Zyklus der Natur sowie jene vom Föhn. Lauber fragte, woher der älteste Urner, der Föhn, seine Kraft nimmt. Und: Was macht der Wind, wenn er nicht weht? Die vierte Kolumne widmete sich dem Letzigrund. Das erste Letzigrund-Stadion wurde 1925 eröffnet und 2006 abgerissen, der Neubau am 30. August 2007 offiziell eröffnet. Lauber sprach in seiner Kolumne vom Abschiednehmen der Fans und vom neuen Stadion, das sich wieder mit Leben füllte.

An jedem der fünf Orte informierte Rita Ryffel kurz über eine geschichtliche Begebenheit, zum Beispiel, dass sich der ursprüngliche Friedhof bei der Niklauskirche befand. Dieser war Anfang des 20. Jahrhunderts voll belegt, weshalb 1912 ein neuer Friedhof erstellt wurde, der seither dreimal erweitert wurde.

Pia Meier