Home Quartiere Sport Regional Rubriken In-/Ausland
Zürich West
02.09.2022
02.09.2022 14:45 Uhr

«Das Supermuttiteufelchen ist eine arrogante Zwetschge»

Autorin Sabine Sommer: «Ein Baumhaus mitten in der Stadt – auch das ist Altstetten – genauso wie das Nebeneinander vieler Kulturen.»
Autorin Sabine Sommer: «Ein Baumhaus mitten in der Stadt – auch das ist Altstetten – genauso wie das Nebeneinander vieler Kulturen.» Bild: zvg
Sabine Sommer hat ihren ersten Roman herausgegeben. Was er mit Altstetten zu tun hat und was der Kern von «Die Schuld himmelblauer Erdbeeren» ist.

Interview: Martina Seger-Bertschi

Sabine Sommer, seit rund zehn Jahren wohnen Sie in Altstetten. Was gefällt ­Ihnen hier besonders gut?

Wie nahe Stadt und Natur beieinanderliegen. Ich mag das inspirierende Ge­wusel einer Stadt und die Ruhe der Natur gleichermassen. In Altstetten liegt beides nah beieinander. Dort, wo ich in Altstetten lebe, ist es sogar ein bisschen wie in ­einem Dorf. So ist auch ein Teil meines Romans in unserem Baumhaus entstanden. Ein Baumhaus mitten in der Stadt – auch das ist Altstetten – genauso wie das Nebeneinander vieler Kulturen, das mir sehr gefällt.

Wie ist Ihr Roman mit Altstetten ­verknüpft?

Altstetten wächst seit Jahren, dehnt sich aus, erfindet sich neu. Genau das tun die müde Kleinkindmutter, ihre von der Liebe enttäuschte beste Freundin und ihr unzufriedener Ehemann in meinem Roman auch. Nicht ganz freiwillig zwar – aber die Lügen, die in ihren Beziehungen an die Oberfläche treten, zwingen sie dazu, der Grundsubstanz, den Rissen in ihrem Innern und in ihren Beziehungen auf den Grund zu gehen. Ohne Analyse der Grundsubstanz kann kein Neubau gelingen – weder im boomenden Altstetten noch in den turbulenten Beziehungen meiner Figuren.

Geht es in Ihrem Roman also hauptsächlich um Beziehungen?

Ja, es geht vor allem um die Beziehung ­einer jungen Mutter zu ihrem Mann und zu ihrer besten Freundin. Alles scheint auf den ersten Blick perfekt. Aber unter der Oberfläche brodelt es gewaltig – weil die drei einander brauchen, um ihre inneren Löcher zu stopfen. Als die Risse sichtbar werden, bricht zwar alles auseinander, zwingt aber auch jeden von ihnen, den eigenen Fäden nachzugehen.

Fäden?

Ein verdrängtes Kindheitstrauma macht die Hauptperson Alex zum Kontrollfreak, weil sie fürchtet, dass ihr das Leben wieder entgleitet. Ihr Mann fühlte sich in ­seinem Leben verloren, sodass ihm Alex’ Dominanz einst ganz recht kam. Doch heute erträgt er dies kaum mehr. Und ihre Freundin verliert sich immer mehr in den Ablehnungen bei Online-Dates, erzählt ihrer Freundin aber was ganz anderes. Kurz: Jeder von ihnen benutzt den andern, um eine fehlende innere Sicherheit zu fühlen.

War es schon immer Ihr Traum, einen ­Roman zu schreiben?

Ich habe von klein auf geschrieben. Wollte immer sichtbar machen, was ­unter der Oberfläche liegt. Nach zwei ­Jahren Journalismusstudium merkte ich, dass das nicht mein Weg ist. Dass ich zwar schreiben will, aber meine eigenen Geschichten. So beschloss ich, einen Roman zu schreiben. Aber das Blatt vor mir blieb jahrelang weiss, da floss einfach nichts.

Wann war denn der Wendepunkt?

Die Geburt des Sohnes war interessanterweise auch die Geburt des Romans. Dieses neue Universum berührte so viele Themen, die erforscht sein wollten.

Zum Beispiel?

Das Supermuttiteufelchen. Es ist Alex’ ­Über-Ich, das ihr ständig einreden will, sie sei nicht gut genug. Alex wehrt sich zwar immer wieder trotzig gegen diese moralinsauere, arrogante Zwetschge und fühlt sich doch immer wieder zu unsicher, um nicht einzuknicken.

Dürfen wir ein Beispiel hören, was dieser häufige Gast zu Alex, der Hauptfigur und Mutter, sagt?

«Meine Güte, meinst du, du bist die Erste, die zwei Kinder hat? Alle anderen wuppen das mit Links. Bloss du machst so ein Affentheater und badest im Selbstmitleid.» Übrigens ein Satz, der mir mein persönliches SMT zu einer Zeit, in der ich sehr erschöpft war, oft vorwurfsvoll ins Ohr zischte.

Gibt es noch anderes im Roman, das aus Ihrem Leben kommt?

Viele der Kleinkindszenen. Zum Beispiel, als ich während der Trotzphase des Sohnes mal Wäsche aufhängte und ehrlich erstaunt war, dass die Socke nicht losschrie, sie wolle woanders hängen, und der Pulli sich nicht weigerte, eine blaue Wäscheklammer zu erhalten, wo er doch eine rote wollte.

Die Schuld himmelblauer Erdbeeren

Sabine Sommer, ISBN:978-3-347-14678-5

Martina Seger-Bertschi