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Stadt Zürich
03.09.2022
03.09.2022 11:01 Uhr

Stadt hebt ihren digitalen Zwilling in die vierte Dimension

Bild: Screenshot aus «Zürich 4D»
Digitale 3D-Stadtmodelle haben auch andere Schweizer Städte im Angebot. Doch nun geht die Stadt Zürich in die 4D-Offensive: Eine neue Online-Anwendung macht die bauliche Entwicklung des Stadtgebiets über mehr als 5000 Jahre hinweg sichtbar.

Lisa Maire

Aus beliebigen Blickwinkeln – von der Vogel- bis zur Fussgängerperspektive – den digitalen Zwilling der Stadt erkunden: Die Web-Apps «Zürich virtuell» und ­«Zürich 4D» machen dies möglich. Die frei zugänglichen Apps richten sich nicht nur an Planungs-, Architektur-, Ingenieurbüros und weitere professionelle Nutzende. Sie erlauben auch einer breiten Öffentlichkeit ganz neue spannende Blicke auf die Stadt und ihre bauliche Entwicklung.

Viele interaktive Tools

Das 3D-Stadtmodell «Zürich virtuell» wurde von Geomatik + Vermessung Zürich (GeoZ) erarbeitet. Es enthält das Gelände, über 50 000 Gebäude in verschie­denen Detaillierungsstufen sowie Mauern und Brücken. Auch das Baumkataster von Grün Stadt Zürich ist integriert, mitsamt Zusatzinfos zu Art, Höhe und Alter eines Baums. Insgesamt ermöglichen zahlreiche Visualisierungs- und Analysemöglichkeiten das Arbeiten in verschiedenen Massstäben.

Pionierprojekt: Historische Perspektiven

Wer in «Zürich 4D» in eine historische Ansicht hineinzoomt, bewegt sich durch eine Welt mit «fotorealistischen» Abbildungen. Die Grundlage der beiden Zeitschnitte (im Bild oben die Stadt um 1800) bilden historische Karten und archäologische Erkenntnisse.

Die verfügbaren Darstellungsparameter bei den Bauten erfassen Dachformen, Fassadenmaterialien, Stockwerkzahl sowie zahlreiche weitere, für die Form und das Aussehen der Gebäude zentrale Faktoren. Wobei sich die Texturen zu einem grossen Teil an Bildmaterial aus dem Baugeschichtlichen Archiv der Stadt orientieren.

Übrigens: Um die angepeilten Örtlichkeiten im heutigen Stadtbild zu lokalisieren, hilft das Einblenden einer aktuellen Hintergrundkarte mit den Strassennamen ungemein. (mai.)

Einen Spaziergang durchs Quartier aus der Fussgängerperspektive gefällig? Ein Neubauprojekt von allen möglichen ­Seiten begutachten? Wie hoch wird das Haus? Wie stehts mit dem Schattenwurf? Noch ungeübte Nutzerinnen und Nutzer weiht ein Klick auf den «Hilfe»-Button in die Handhabungsgeheimnisse der interaktiven Webkarten ein. Klärt dabei auch auf, was zu tun ist, wenn man – unter­wegs im Fussgängermodus – mitten im digitalen Stadtdschungel die Orientierung verliert. Und das kann leicht passieren.

«Zürich 4D», unter Federführung des Amts für Städtebau (AfS) erarbeitet, ergänzt das 3D-Stadtmodell um eine zeitliche Achse. Auf dieser App lässt sich Zürichs baulicher Werdegang in mehreren Zeitschnitten von der Jungsteinzeit bis in die Zukunft verfolgen. Wobei die zweite Zukunftsstufe neben aktuellen Hochbauprojekten auch Gestaltungspläne und ­abgeschlossene Architekturwettbewerbe visualisiert.

  • Das Seebecken wird immer schmaler: Zeitreise mit «Zürich 4D» durch die Entwicklung des Siedlungsraums – von den Pfahlbauten am Seeufer … Bild: Screenshot aus «Zürich 4D»
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  • … über die befestigte Stadt um 1800 … Bild: Screenshot aus «Zürich 4D»
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  • … bis zum künftigen Baubestand. Bild: Screenshot aus «Zürich 4D»
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Einmaliges Projekt

Mit «Zürich 4D» übernimmt die Stadt eine Vorreiterrolle: «Die Zeit als vierte Dimension wurde in diesem Umfang bisher in keinem anderen Schweizer Projekt um­gesetzt», bestätigt AfS-Sprecher Anatole Fleck auf Anfrage. Auch von vergleich­baren 4D-Anwendungen im öffentlichen Bereich in anderen Ländern habe man bis anhin keine Kenntnis. Das ganz Besondere an «Zürich 4D» sind die integrierten historischen 3D-Stadtmodelle: Im Rahmen eines wissenschaftstechnischen Pionierprojekts will das AfS bis Ende 2024 sechs solche «fotorealistisch» gestalteten Modelle, die auf archäologischer und historischer Forschung beruhen, erarbeiten. Die ersten zwei Zeitschnitte wurden nun veröffentlicht. Sie zeigen Zürichs Siedlungsraum zur Zeit der Pfahlbauten um 3000 v. Chr. sowie die neuzeitliche Stadt um das Jahr 1800.

Laufende Aktualisierung

Für die historischen Modelle wurden 2D-Geodaten mit verschiedensten Sachdaten ergänzt, wobei für Bodenbe­deckungen und Bebauungen jeweils neben der Art auch die Infoquelle und deren Verlässlichkeit abrufbar ist. Gemäss AfS ermöglichen diese Zusatzinformationen eine differenzierte Betrachtung der Daten, die auch der Unterscheidung von dokumentierten Erkenntnissen und wissenschaftlichen Hypothesen dient.

Die 2D-Geodatensätze, die «Zürich virtuell» und «Zürich 4D» zugrunde liegen, werden laufend aktualisiert und verbessert. Im Fall der Zukunftsansichten passiere dies, so das AfS, «nach Anlass und Möglichkeit», mindestens aber einmal jährlich. Aufgrund ihrer Komplexität verlangen die beiden Web-Apps eine gewisse Rechenleistung, grundsätzlich sollten sie aber auf allen Endgeräten und in allen Browsern funktionieren. Fast alle Datensätze sind übrigens auch als offene Daten erhältlich.

«Zürich virtuell»: www.stadt-zuerich.ch/zuerich-virtuell

«Zürich 4D»: www.stadt-zuerich.ch/zuerich-4D

Lisa Maire