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Zürich West
09.09.2022
09.09.2022 14:43 Uhr

Wein, Blumen und Pferdeäpfel

Für die Bewohner des Alterszentrums Bachwiesen, aber auch für die anderen Besucher, ist die Zehntenabgabe jedes Jahr eine willkommene Abwechslung.
Für die Bewohner des Alterszentrums Bachwiesen, aber auch für die anderen Besucher, ist die Zehntenabgabe jedes Jahr eine willkommene Abwechslung. Bild: Heinz Schluep
Zum 50. Mal wurde die Zehntenabgabe beim Alterszentrum Bachwiesen in Albisrieden durchgeführt. Die Zunft zur Letzi nahm die Zehntenabgaben bei sonnigem Wetter und mit tierischen Special Guests mit viel Humor entgegen.

Schon von weit her hörte man die Klänge des Zunftspiels, das an diesem Samstag, dem 3. September, die 50. Zehnten­abgabe der Zunft zur Letzi musikalisch begleitete. Der zünftige Anlass fand traditions­gemäss beim Gesundheitszentrum für das Alter Bachwiesen statt, wo die Bewohnerinnen und Bewohner des Zentrums sowie die ebenfalls geladenen Bewohnenden der Wohnstätten Zwyssig, der Stiftung Alterswohnen der RGZ-Stiftung und die Einwohnerinnen und Einwohner des Quartiers das Geschehen gespannt mitverfolgten. Die Anwesenden schienen es alle kaum mehr erwarten zu können, bis das Spektakel endlich losging. Wie jedes Jahr wurden die Ein­nahmen anschliessend dem Gesundheitszentrum für das Alter gespendet, neben einem Betrag von 1000 Franken, der dem Zentrum jeweils als Check übergeben wird.

Die Ursprünge des Anlasses

Remo Rosenau, Untervogt der Zunft zur Letzi, empfing die Anwesenden mit einer Einstiegsrede, in welcher er unter anderem von der Geschichte der Zehntenabgabe erzählte. Auf der Website der Zunft zur Letzi wird diese wie folgt beschrieben:

«Pro Hof war in einem Zehntenurbar geregelt, was an erwirtschafteten Naturalien und Geld abzugeben war. Der Zehnte wurde in den Dörfern unter den gestrengen Augen eines Obervogtes aus der Stadt durch einen Untervogt aus den Reihen der Dorfbevölkerung eingezogen. Alle waren zehntenpflichtig, auch die Wirte und die Pfarrherren aus den Dörfern; nur der Bauer des Freihofs (Halte­stelle 2-er), welcher zum Wohle aller einen Zuchtstier zu halten hatte, war befreit. In einem Zehntenurbar von Alt­stetten ist nachzulesen, dass der Untervogt für seine Arbeit von den Vertretern der Stadt ein Paar wollene Hosen bekommen soll, und die Bauern nach der Zehntenabgabe 16 Brote zugute haben.»

In der Rede kündigte Remo Rosenau auch an, wer an diesem Tag alles seine Zehnten abgeben würde: Ein Wirtepaar, zwei Gärtner sowie die Zünfte Höngg, Wollishofen und Schwamendingen.

Dank Zehntenabgabe eine Rikscha

Anschliessend an diese Begrüssung wurden Stadtrat Andreas Hauri und Sylvia Stadler, Betriebsleiterin beim Gesundheitszentrum Bachwiesen, mit einer Rikscha eingefahren. Mit dem Geldbetrag, den das Alterszentrum dank der Zehntenabgaben jedes Jahr zusammengespart hatte, konnte man diese Rikscha kaufen. Das Gefährt, in welchem zwei Personen durch die Gegend chauffiert werden können, ermöglicht den Bewohnenden des Alterszentrums Ausfahrten an Orte, an die sie sonst nicht oder nur unter mühsamen Umständen hin­kämen.

«Wir sind sehr dankbar, dass wir uns durch diesen Anlass etwas so Schönes für unsere Bewohnenden leisten konnten», sagte Sylvia Stadler. «Als der Anlass wegen Corona bei uns nicht stattfinden konnte, haben wir der Zunft zur Letzi gesagt, sie dürften auch an einen anderen Ort gehen, um die Zehntenabgabe trotzdem durchführen zu können», so Stadler. «Sie lehnten jedoch ab und wollten diesen Anlass erst machen, wenn es bei uns wieder möglich sei. Das hat uns enorm gefreut.»

Dann ging es los: Die Zunft zur Letzi schritt mit grossem Trara und begleitet von Applaus auf den Platz ein. Obervogt Jürg Vogel platzierte sich neben Remo Rosenau, um die Zehnten gemeinsam mit ihm zu empfangen.

Als erstes erschien ein Wirtepaar auf dem Platz. Ihre Abgaben bestanden unter anderem aus Capri-Suns, aber auch aus alkoholischen Getränken. Wie immer waren diese Übergaben begleitet von ironischen und neckenden Kommentaren. Diese wurden noch häufiger und heftiger, als die anderen Zünfte einmarschierten und ihre Zehnten abgaben. Den Anfang machte die Zunft Wollishofen. Ein Grossteil der Abgaben bestand aus Wein und Schnaps, aber auch Badeenten oder Früchte gehörten dazu. Mit dem Schnaps wurde anschliessend gleich angestossen.

Nach einigen Jahren Pause war dieses Jahr wieder ein Reiter der Zunft zur Letzi dabei. Auch das Pferd leistete seinen Beitrag zu den Abgaben: Kaum auf dem Platz stehen geblieben, offerierte es den Vögten einen Haufen Pferdeäpfel. Dies gab natürlich dem Reiter und seinem Begleiter viel Raum für freche Kommentare und Sprüche, die sie den Vögten an den Kopf warfen.

Zehnten werden gespendet

Die Zunft Höngg, die erwartungshalber mit Wein hätte brillieren sollen, klagte über schwierige Wetterbedingungen und daher eine kleine Ausbeute an Wein, die sie nicht der Zunft zur Letzi überlassen wollten. Daher bestanden ihre Abgaben vor allem aus Zwetschgen und Schnaps.

Nach der Zunft Schwamendingen, die auf die Sprüche der Vögte sehr schlagfertig antwortete, lieferten zwei Gärtner ihre Zehnten ab: ganz viele Blumen, die wie alle anderen Abgaben dem Alterszen­trum gespendet werden.

Anschliessend an die Abgaben wurde Andreas Hauri und Sylvia Stadler ein Check von 1000 Franken überreicht, dessen Betrag laut Stadler wieder gespart wird.

Schliesslich fand die traditionelle ­«Käse-Teilet» statt, wo ein Teil der Ausbeute, also Brot, Käse, Früchte, Wein und Blumen, an die Anwesenden verteilt wurde. Begleitet von Musik wurde dann noch etwas weitergefestet.

  • (v.l.) Obervogt Jürg Vogel, der mit Untervogt Remo Rosenau die Zehnten empfing. Bild: Rahel Köppel
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  • Wein, Esswaren und Blumen: Die Zehntenabgaben fielen sehr unterschiedlich aus. Bild: Heinz Schluep
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Rahel Köppel