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Zürich West
27.09.2022
27.09.2022 10:44 Uhr

Bedeutend über den Tod hinaus

Dorothee Rempfer zeigt die Konkrete Kunst von Verena Loewensberg.
Dorothee Rempfer zeigt die Konkrete Kunst von Verena Loewensberg. Bild: Jeannette Gerber
Immer wieder überrascht die Organisation «Frauenstadtrundgang» mit frauenorientierten Spaziergängen durch Zürich. Dieses Mal handelte es sich nicht um Orte, wo die prominenten Frauen arbeiteten und Zeit verbrachten, sondern um ihre letzten Ruhestätten auf dem Friedhof Sihlfeld.

Jeannette Gerber

Am Tag des Friedhofs, 18. September, wurden die Geschichten von sechs prominenten Frauen, die hier begraben sind, vorgestellt. Nachdem die Historikerin Dorothee Rempfer einführende Worte an die zahlreichen Teilnehmenden gerichtet hatte, begann die zweite Sprecherin, Archäologin und Althistorikerin Sabrina Buzzi, mit einem Zitat von Niklaus Meienberg: «Tot ist einer erst, wenn sich niemand mehr an ihn erinnert.» In unserem Fall jedoch eher «Tot ist eine erst, wenn sich niemand mehr an sie erinnert.»

Der Friedhof Sihlfeld wurde einst nach dem Vorbild des Wiener Zentralfriedhofs erbaut. Der Teil Sihlfeld A, wo der Rundgang begann, steht heute unter Denkmalschutz. Da sind auch die meisten Ehrengräber zu finden. Auf dem ganzen Friedhof verteilt liegen 63 prominente Verstorbene, darunter nur neun Frauen. Das liegt daran, dass Frauen lange Zeit kaum die Möglichkeit hatten, Ausserordentliches in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft oder Kultur zu leisten.

Julie Bebel-Otto

Der erste Halt war am Familiengrab von Julie und August Bebel-Otto (1843–1910 bzw. 1840–1913). In diesem Fall sind beide wichtig. Der Sozialist August Bebel war ab den 1860er-Jahren eine zentrale Figur in der deutschen Politik. Seine Ehefrau Julie, geborene Otto, gab nach der Eheschliessung ihre Arbeit als Modistin auf und sorgte fortan für Haushalt und Tochter Frida. Doch als seine politische Tätigkeit 1872 zu einer Verurteilung wegen Hochverrats führte und er mehrere Monate inhaftiert war, übernahm Julie Bebel die Leitung der Drechslerei. Das tat sie zur vollen Zufriedenheit ihres Gatten.

Später wurde sie Organisatorin und Sekretärin der Arbeiterpartei. August Bebel forderte übrigens die Gleichberechtigung von Mann und Frau in seinem Buch «Die Frau und der Sozialismus». Nachdem Tochter Frida einen Zürcher Arzt geheiratet hatte, reiste das Ehepaar öfters in die Schweiz. Gemeinsam entschieden sie sich für ein Familiengrab im Sihlfeld.

Johanna Spyri

Der nächste Halt galt dem Familiengrab von Johanna und Bernhard Spyri. Johanna Spyri (1827–1901) wurde bekannt als Schöpferin der Geschichten von Heidi und ihrer heilen Welt. Die Bücher wurden in vielen Sprachen übersetzt und 25 Millionen Mal verkauft, was den Rekord in der Schweizer Literatur bedeutet.

Über das Leben der Autorin ist wenig bekannt: Sie selbst hatte kurz vor ihrem Tod ihren Nachlass vernichtet. Nach einer bürgerlichen Ausbildung heiratete sie 1852 den Juristen und Zeitungsredakteur Johann Bernhard Spyri und zog mit ihm nach Zürich. Sie tat sich schwer mit den Anforderungen als bürgerliche Ehefrau und dem Leben in der lauten Stadt. Ihre Bestimmung fand Johanna Spyri erst, als sie mit 40 Jahren das Schreiben von Geschichten entdeckte. Sie verfasste Texte für ein Kirchenblatt – anonym. Diese fanden Anklang in Deutschland.

Der Roman «Heidis Lehr- und Wanderjahre» – jetzt unter ihrem Namen – wurde zuerst in Deutschland und dann in der Schweiz ein Renner. Die Anerkennung inspirierte sie: In den folgenden Jahren entstanden über 20 Kinder- und Jugendbücher.

Emilie Lieberherr

Weiter zum dritten Grab, zu einer Person, die von sich selbst sagte: «Ich bin ein radikales Weib»: Emilie Lieberherr (1924–2011). Als erstes reformiertes Mädchen besuchte Emilie die Handelsschule im katholischen Kloster Ingenbohl. Anschliessend arbeitet sie als Sekretärin bei der SBG in Zürich, später studierte sie Wirtschaftswissenschaft und Pädagogik.

1957 folgte Emilie Lieberherr ihrer Lebenspartnerin Minnie Rutishauser nach New York und bereiste mit ihr die USA. Nachdem das Geld aufgebraucht war, musste sie eine Arbeit suchen. Dank ihrer Französischkenntnisse durfte sie die drei Kinder des Schauspielers Henry Fonda unterrichten. Nach der Rückkehr in die Schweiz arbeitete sie als Lehrerin, schrieb ihre Doktorarbeit und wurde Mitglied verschiedener Frauenorganisationen.

Am 1. März 1969, während des legendären «Marschs auf Bern», hielt Lieberherr vor 5000 Menschen eine Brandrede auf dem Bundesplatz für das Frauenstimmrecht. Sie sprach in klaren Worten: «Wir sind hier nicht als Bittende, sondern als Fordernde.» Nach Einführung des Frauenstimm- und -wahlrechts auf kantonaler und kommunaler Ebene trat sie der SP bei, um für den Stadtrat zu kandidieren.

Sie sah sich als Vertreterin der Frauen und Fürsprecherin der sozial Schwachen und Benachteiligten. Während 24 Jahren stand sie als erste Stadträtin dem Wohlfahrtsamt, dem späteren Sozialdepartement, vor. In ihrer Amtszeit wurden in Zürich 20 Altersheime gebaut. Sie war auch Initiantin der Heroinabgabe an Schwerstsüchtige. 1978 wurde sie als erste Deutschschweizerin in den Ständerat gewählt. Sie engagierte sich intensiv für die Verfassungsinitiative «Gleiche Rechte für Mann und Frau». Die Annahme 1981 bezeichnete sie als die grösste Genugtuung ihrer Legislaturperiode.

Ihr Umgang mit der Jugendbewegung der 1980er-Jahre war umstritten, auch in der SP. Ebenso stand Emilie mit ihrer Drogenpolitik von allen Seiten in der Kritik. Nach Querelen mit der SP wurde sie 1990 aus der Partei ausgeschlossen. Dennoch schaffte sie die Wiederwahl. Die Frau, die im Hintergrund Tun und Lassen dieser einmaligen Politikerin mitbestimmte, sollte nicht unerwähnt bleiben: Minnie Rutishauser, ihre Lebenspartnerin während 70 Jahren. Nun sind die beiden auch im Grab vereint.

Susanna Orelli

Der vierte Stopp war vor dem kaum noch lesbaren Familiengrabmal von Susanna Orelli (1845–1939). Sie war die erste Frau, welche die Ehrendoktorwürde von der medizinischen Fakultät der Uni Zürich erhielt. Nach einer typisch bürgerlichen Ausbildung (Primarschule, Landtöchterschule, hauswirtschaftliche Kurse und Welschlandaufenthalt) heiratete sie 1881 den 20 Jahre älteren Mathematiker Johannes Orelli, der bereits 1885 verstarb. Als Witwe engagierte sie sich in der Freiwilligen- und Einwohnerarmenpflege, wo sie mit der Not der Arbeiterschaft konfrontiert war. Sie trat dem Blauen Kreuz bei und widmete sich der Trinkerfürsorge.

Mit alkoholfreien Kaffeestuben wollten die Abstinenzler eine Alternative schaffen. Die Frauen hatten sich inzwischen von ihren männlichen Kollegen getrennt und veranstalteten 1894 einen Bazar, um das Startkapital für ihr Projekt zu sichern. Bald wurde aus der alkoholfreien Kaffeestube ein Grossunternehmen, der ZFV. Da die Gründerinnen die schriftliche Zustimmung ihrer Ehegatten oder Väter benötigten, war Susanna Orelli als Witwe klar im Vorteil.

Bei all ihrer Tätigkeiten stand ihr die Schwester Caroline zur Seite. Selbst nach dem Tod ruhen sie nebeneinander. Ein Wermutstropfen: Seit 1975 ist der ZFV kein reines Frauenunternehmen mehr, und seit 2001 sind die ZFV-Lokalitäten nicht mehr alkoholfrei.

Verena Loewensberg

Das fünfte Grab im Programm war das Familiengrab der Künstlerin Verena Loewensberg (1912–1986). Loewensberg stand zeitlebens im Schatten ihrer männlichen Kollegen. Erst 1981 wurde sie mit einer Einzelausstellung im Kunsthaus Zürich gewürdigt. Sie gehörte als einzige Frau zu den sogenannten «Zürcher Konkreten». Über ihre Biografie ist wenig bekannt. Mit 20 heiratete sie Hans Coray und zog mit ihm 1934 in eine kleine Wohnung im frisch renovierten Corso-Theater am Bellevue. Das Corso war ein wichtiger Treffpunkt für Künstlerinnen und Künstler. In dieser Zeit fand Loewensberg zur sogenannten «konkreten» Kunst.

Mit dem Erbe ihrer Grossmutter reiste sie nach Paris, um an der Académie Moderne zu studieren. An der legendären Ausstellung «Zeitprobleme in der Schweizer Malerei und Plastik» 1936 im Zürcher Kunsthaus stellte Verena Loewensberg erstmals zwei Werke aus.

Leben konnte sie von ihrer Kunst nicht. Erst neueste Publikationen betonen die Einzigartigkeit und Fantasie ihrer Werke. Nach ihrer Scheidung verdiente Verena Loewensberg ihren Lebensunterhalt mit grafischen Arbeiten und Textildesign. Mit ihrem zweiten Mann Föns ­Wickart vertrieb sie Wurlitzer Musikautomaten und eröffnete aus Liebe zum Jazz 1964 an der Rösslistrasse in Zürich das Plattengeschäft City Discount.

Jeanne Eder-Schwyzer

Der letzte Halt galt dem Grab von Jeanne Eder-Schwyzer (1894–1957). Sie gehörte zu den Frauen, die sich für die Frauenrechte engagierten. Geboren wurde Jeanne Schwyzer in New York als Tochter einer Schweizer Industriellenfamilie. Dort wuchs sie dreisprachig auf und wurde von ihrer Mutter, Jeanne Schwyzer-Vogel, schon früh politisiert. 1911 zog die Familie zurück in die Schweiz. An der Uni Zürich studierte sie Chemie und promovierte 1919 als erste Schweizerin in diesem Fachbereich.

Im Anschluss arbeitete sie als wissenschaftliche Assistentin am Chemischen Institut bei Professor Paul Kramer, dem späteren Nobelpreisträger. 1920 heiratete sie Robert Eder, Professor für Pharmazie und pharmazeutische Chemie an der ETH Zürich. Das Paar hatte zwei gemeinsame Töchter.

Politisch immer aktiv, war sie 1924 bei der Gründung der Sektion Zürich des Schweizerischen Verbands der Akade­mikerinnen (SVA) dabei. 1935 gründete Jeanne Eder-Schwyzer mit anderen Frauen die freisinnige Frauengruppe Zürich, um auf die politische Entwicklung im Land Einfluss nehmen zu können. Später wurde sie zudem Präsidentin des Bundes für Frauenstimmrecht des Kantons Zürich. Von 1947 bis 1957 war sie Präsidentin des Internationalen Frauenrates (International Council of Women ICW).

Aufgrund ihrer Mehrsprachigkeit gelang es ihr, den ICW nach der Stagnation des Zweiten Weltkriegs zu neuem Leben zu erwecken. Auf der internationalen Konferenz des ICW 1954 setzte sie sich in einem viel beachteten Vortrag für die friedliche Nutzung von Atomenergie ein.

Jeannette Gerber