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Zürich 2
29.09.2022
28.09.2022 16:08 Uhr

Quartier sagt Nein zu Wohnen am See

Viel Lob und Kritik auf grünen und roten Zetteln und rege Diskussionen vor den ausgestellten Planungsszenarien für das Wollishofer Seeufer.
Viel Lob und Kritik auf grünen und roten Zetteln und rege Diskussionen vor den ausgestellten Planungsszenarien für das Wollishofer Seeufer. Bild: Lisa Maire
Wie soll das Seeufergebiet zwischen Landiwiese und Cassiopeiasteg künftig aussehen? An einer öffentlichen Dialogveranstaltung zur «Testplanung Seeufer Wollishofen» gewann die Quartierbevölkerung Einblick in erste Szenarien und konnte diese bewerten.

Lisa Maire

Der grosse Saal der St.-Franziskus-Kirche war voll besetzt, als die Stadt letzte Woche zur Info- und Dialogveranstaltung «Testplanung Seeufer Wollishofen» lud. Vor dem etwa 200-köpfigen Publikum nahmen Hochbauvorsteher André Odermatt, Tiefbauvorsteherin Simone Brander und Katrin Gügler, Direktorin Amt für Städtebau (AfS), Stellung.

Dabei ging es um drei verschiedene planerische Szenarien, die im Rahmen einer Mitwirkung mit Betei­ligung mehrerer Dienstabteilungen der Stadtverwaltung, Politik, Eigentümerschaften und einem «Echoraum» mit zahlreichen Interessengruppen aus dem Quartier erarbeitet worden waren.

«Denken ohne Scheuklappen»

Die Zukunft des Gebiets zwischen Landi­wiese und Cassiopeiasteg respektive My­thenquai und Seeufer ist mit der Testplanung allerdings längst nicht besiegelt: «Was Sie hier sehen, sind keine Bauprojekte!», kam Stadtrat André Odermatt allfälligen Missverständnissen über die im Saal ausgestellten Pläne und Modelle der Szenarien zuvor. Es handle sich lediglich um eine Auslegeordnung, um ein «Denken ohne Scheuklappen», um erste stadt- und freiraumplanerische Ideen für ein mögliches Nebeneinander von Gewerbe, Kultur, Wohnen, Erholung und Freizeit.

Im Zentrum der Testplanung stehen die Frei- und Grünräume, die Art der Nutzungen, die Zugänglichkeit zum See und die Anbindung ans Quartier. Grundlage dafür ist eine Motion aus dem Gemeinderat von 2019, die den Stadtrat mit einer Gebietsplanung beauftragte, die den veränderten Bedürfnissen einer wachsenden Bevölkerung nach Erholung, Freiraum und preisgünstigem Wohnraum Rechnung tragen soll.

Was gut klingt, ist planerisch und rechtlich komplex: In der städtischen Bau- und Zonenordnung (BZO) ist das Wollishofer Seeufer verschiedenen Freihaltezonen, der Wohnzone und der Zone für öffentliche Bauten zugewiesen. Für das Kibag-Areal gelten zudem Sonderbauvorschriften, die 2009 in Kraft traten. Wie auf dem Areal der ehemaligen Franz Garage hinter der Savera-Wiese, wo die Karmon AG zurzeit einen Bau mit 68 Wohnungen erstellt, könnten demnach auch auf dem Kibag-Areal zwischen GZ Wollishofen und Roter Fabrik dereinst Wohnungen entstehen.

Szenarien mit und ohne Wohnen

Doch das will man im Quartier verhindern: Im Juni forderte der Quartierverein Wollishofen in einer Petition mit über 8000 Unterschriften, dass der ganze Planungsperimeter als Freihalte- und Gewerbezone definiert wird. Denn der Freiraum und das Kulturangebot seien in Gefahr, wenn direkt daneben Wohnungen entstehen. Zur gleichen Zeit reichten zudem die Fraktionen von SP, Grünen und AL eine Motion zur Umzonung des Gebiets ein.

«Wohnen am Seeufer wird von einer Mehrheit nicht gewünscht», fasste AfS-Direktorin Katrin Gügler die Stimmen aus «Echoraum» und Politik zusammen. Trotzdem hätten sich die Testplanungsteams nun mit dem Thema befasst. Alle drei Szenarien sehen eine Erweiterung der heutigen Freiräume vor, aber in unterschiedlichem Mass und mit unterschiedlichem Nutzungsmix. So beinhaltet die Variante «Stadt am See», bei der das Kibag-Areal im Besitz der Kibag bleiben würde, einen mittleren Wohnanteil und eine mittlere Freiraumerweiterung. Dabei wird der Uferweg durch den ganzen Planungsperimeter hindurch als urbane Promenade mit diversen Nutzungsangeboten ausgebaut. Die Variante «Happy Lake­side» basiert auf einem Teilerwerb des Kibag-Areals durch die Stadt, einer grossen Freiraumerweiterung und einem Nutzungsmix mit geringem Wohnanteil. Der Schwerpunkt liegt hier auf öffentlichen Nutzungen wie etwa einem «Volkshaus», zu dem auch das GZ gehören würde, sowie einem «Creative Village» mit Ateliers für Kulturschaffende.

Idee «Stadtfabrik» hat Nase vorn

Die grösste Freiraumerweiterung verspricht die Variante «Stadtfabrik für Wollishofen»: Die Stadt erwirbt einen grossen Teil des Kibag-Areals, Wohnungen gibt es keine, der Nutzungsmix liegt schwerpunktmässig beim Gewerbe, wobei die genauen Nutzungen nicht vordefiniert wären, sondern nach bestimmten «Spielregeln» schrittweise entwickelt würden. So soll der Perimeter selbst zu einer Art «Fabrik städtischen Lebens» werden.

Dieses Szenario ohne Wohnen erhielt auch am Dialogabend die meisten Sympathiepunkte. Das ergab eine Abstimmung im Publikum, das vorgängig die Gelegenheit hatte, die an Stellwänden präsentierten Szenarien mit den jeweiligen Bearbeitungsteams zu diskutieren.

Wobei sich auf den Kommentar- und Wunschwänden aber auch zeigte, wie schwierig es sein wird, unterschiedliche Ansprüche an Freiraum zusammenzubringen: Da standen Wünsche nebeneinander wie «Boomboxen-Verbot» und «Raum zum Lautsein», «Keine Konsumzwangflächen» und «Glacestand!», «Durchgehender Weg dem See entlang» und «Mehr Platz für Selbstorganisation», «Vergesst die Jugendlichen nicht» und «Denkt auch an Anwohner, die bereits seit langem hier sind».

Die einen begrüssen eine Aufwertung der Seezugänge, die anderen wollen keine Aufwertung, die das Wollishofer Seeufer «zum Anziehungspunkt für die ganze Schweiz» macht.

In der Schlussdiskussion meldeten sich vor allem junge Menschen aus der IG «Linkes Seeufer für alle!» lautstark zu Wort. Auf Konfrontation eingestimmt, warfen sie der Stadt Intransparenz und Geschwafel vor, forderten mehr Mitspracherecht bei der Entwicklung der künftigen Nutzungen. Ihnen sind alle drei Szenarien zu vollgepackt mit Bauten, sie wollen noch mehr Freiraum.

Nun folgt ein Masterplan

Wie geht’s nun weiter? Die aus der Testplanung mitsamt Dialogabend gewonnenen Ergebnisse und Erkenntnisse werden bis Ende 2022 in einen Masterplan einfliessen, so Odermatt. Dieser wiederum solle die Grundlage bilden für einen längeren politischen Umsetzungsprozess: Verhandlungen mit Grundeigentümern, Anpassungen der Sonderbauvorschriften für das Kibag-Areal, der Bau- und Zonenordnung, des Richtplans.

Lisa Maire