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Kultur
26.10.2022
24.10.2022 18:28 Uhr

Das Ding aus dem Ei

Der Horror-Arthouse-Film «Hatching» lehrt die Zuschauer das Gruseln. Dafür werden bekannte Gruselelemente mit neuen Ansätzen verbunden.
Der Horror-Arthouse-Film «Hatching» lehrt die Zuschauer das Gruseln. Dafür werden bekannte Gruselelemente mit neuen Ansätzen verbunden. Bild: © 2022 by Praesens-Film. All rights reserved
Ein Mädchen findet im Wald ein Ei und brütet es aus. Was schlüpft, ändert alles. Der finnisch-schwedische Horrorthriller «Hatching» ist ideal für die Tage vor Halloween.

«Wunderschöner Alltag» bringt es zynisch auf den Punkt. So heisst bezeichnenderweise der Blog, den die Mutter im Film führt. Hier herrscht Hochglanzvorstadtidylle. Helle Farben, viel Sonne; alles ist zuckersüss und in Watte gepackt. Zumindest äusserlich. Denn Mutter geht fremd, Vater macht dazu gute Miene. Der Sohn zischt die Mutter vor Eifersucht an und intrigiert gegen Tinja, wo es nur geht. Die Teenagerin wird zudem von der Mutter mit eiserner Hand zum Training gepeitscht. Schliesslich soll die Tochter im Kunstturnen erfolgreich die Karriere führen, die der Mutter im Eiskunstlauf verwehrt blieb. So bekommt die heile Welt schnell spröde Risse.

Horror auf Hochglanz poliert

Als Tinja eines Tages einem verletzten Vogel in den Wald folgt, um ihn zu erlösen, findet sie ein fremdartiges Ei. Das 12-jährige Mädchen handelt instinktiv, nimmt es kurzerhand mit, versteckt es im Bauch ihres riesigen Teddybären und brütet es aus. Von Tag zu Tag wird das Ei grösser, der Beschützerinstinkt ebenso, und als Tinja nach einem besonders harten Training weinend die blutenden Hände auf das Ei legt, versickern Blut und Tränen langsam in der pulsierenden Schale.

Spätestens jetzt wird klar, dass hier etwas so gar nicht normal ist. Als kurz darauf die Schale zu brechen beginnt, schlüpft ... aber das sei hier nicht verraten. «Hatching» besticht mit glasklaren Hochglanzbildern, um so die Postkartenfamilie zu unterstreichen, deren Dysfunktion danach genüsslich seziert wird. Leuchtende Farben dominieren oft und ermöglichen so den Blick auf die Tatsachen. Sowohl im menschlichen Sinn innerhalb der Familie als auch bei allem, was sich um das Ei und dessen Bewohner dreht.

Geschickte Kameraeinstellungen unterstreichen zusätzlich die Ereignisse. Wenn sich Tinja im Schrank vor dem Ding aus dem Ei versteckt und nur durch einen schmalen Spalt beobachtet, funktioniert das als pointierte Referenz an zig Horrorfilme. Diese Momente erlauben das Eintauchen in Tinjas Welt. Neben den klaren Handlungsfäden spielt eine sanfte psychologische Komponente zwischen den Bildern mit.

Sehr lange hält der fein komponierte Arthouse-Grusler offen, ob sich manche Dinge nur in Tinjas Fantasie abspielen und gewisse Ereignisse eher symbolisch, quasi als Spiegel auf ihren Seelenzustand, gedacht sind. Stichwort: Essstörung, wenn Tinja gezielt erbricht. Aber auch Eifersucht, wenn die Konkurrentin einen Unfall hat und Tinja mehr zu wissen scheint. Diese leisen Töne verleihen dem Film von Hanna Bergholm eine sehr spannende Komponente.

Clever inszeniertes Genrekino

Der Publikumsliebling vom Fantasy Film Fest in Deutschland macht abgesehen von der etwas gewollt klischeehaften Einführung der Familie, insbesondere des Sohns, zu Beginn des Filmes, vieles richtig. Von der stilsicheren und konsequenten Inszenierung über die wohldosierten und nicht zu blutigen Schockmomente bis zur Entdeckung von Siiri Solalinna, die im echten Leben gerade 13 Jahre als ist und in der Rolle der Tinja den ganzen Film auf ihren Schultern trägt. Das macht sie in ihrem Debüt als Schauspielerin schlicht hervorragend.

Und, ohne zu viel zu spoilern, für die Effekte dessen, was aus dem Ei schlüpft, zeichnete sich Gustav Hoegen verantwortlich. Der Animatronikspezialist war im Team von «Star Wars – Episode VII–IX» und «Jurassic World: Das gefallene Königreich» und schafft es, dass seine Schöpfung nicht den Film an sich reisst, ­sondern auf wunderbare Weise das beeindruckende Spiel der jungen Hauptdarstellerin ergänzt.

Cleveres Genrekino, das geschickt mit bekannten Elementen spielt und doch einen neuen Ansatz findet, der teilweise auch auf der psychologischen Ebene stattfindet.

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit dem Zürcher Online-Kultur-Magazin Bäckstage.ch

Patrick Holenstein