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Stadt Zürich
27.10.2022
30.10.2022 20:53 Uhr

Zürcher Mumien-Experte über den Mythos Tutanchamun

«Tutanchamun ist kein Paradebeispiel eines tadellos mumifizierten Leichnams», sagt der Zürcher Evolutionsmediziner und Mumien-Experte Frank Rühli, der seit Jahren an den wissenschaftlichen Untersuchungen von Tutanchamuns Mumie beteiligt ist.
«Tutanchamun ist kein Paradebeispiel eines tadellos mumifizierten Leichnams», sagt der Zürcher Evolutionsmediziner und Mumien-Experte Frank Rühli, der seit Jahren an den wissenschaftlichen Untersuchungen von Tutanchamuns Mumie beteiligt ist. Bild: Fotomontage: Lokalinfo/rad, Bilder: The Global Egyptian Museum/ZVG
Der Zürcher Paläopathologe Frank Rühli (50) gilt im Bereich der Mumienforschung als Koryphäe und ist schon seit vielen Jahren an den wissenschaftlichen Untersuchungen rund um den bekanntesten Pharao der Welt beteiligt. Anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums von Tutanchamuns Grabentdeckung hat er mit Lokalinfo über seine Faszination für Mumien, das alte Ägypten und seinen über 3200 Jahre alten Patienten gesprochen.

Dominique Rais

Winter 1922. Fünf Jahre schon dauern die Grabungen des britischen Archäologen Howard Carter (1874–1939) im Tal der Könige in Ägypten an. Die finanziellen Mittel sind nahezu erschöpft. Der britische Aristokrat und Finanzier Lord Carnarvon (1866–1923), der zu diesem Zeitpunkt die Grabungs­lizenz für das Tal der Könige innehält, ist aufgrund des ausbleibenden Erfolgs nicht länger gewillt, die dortigen Grabungen zu subventionieren. Er beschliesst daher, seine finanzielle Unter­stützung nach der laufenden Grabungs­saison zu beenden.

Nach Jahren der intensiven Suche gelingt Carter am 4. November 1922 dann aber der langersehnte Durchbruch. Der Archäologe stösst bei seinen Grabungen auf eine versiegelte Tür. Und legt damit den Zugang zur Grabkammer eines bis dahin unbekannten ­Pharaos frei. Seine Entdeckung: ein Sensationsfund. In einem Telegramm an Lord Carnarvon schreibt er tags darauf: «Endlich habe ich eine wunderbare Ent­deckung im Tal gemacht. Ein prächtiges Grab mit intakten Siegeln ... Gratulation.»

Noch im gleichen Monat öffnet Howard Carter das Grab des heute weltbekannten Kindspharaos Tutanchamun (†19). «Überall der Glanz von Gold», so Carter, als er am späten Nachmittag des 26. November 1922 die Vorkammer betritt. Allein in dieser Kammer befinden sich an die 700 Objekte – vom Thron des Pharaos, sechs Streit­wagen und einem umfangreichen Waffenarsenal bis hin zu drei goldenen mit Tierköpfen verzierten Ritualbetten, Schmuck und Kleidung sowie Dutzenden weissen, mit Lebensmitteln gefüllten Tonbehält­nissen, die dem Pharao als Proviant für die Reise ins Jenseits dienen sollten. Der noch verschlossene Zugang zur eigentlichen Grabkammer wird von zwei königlichen Wächterfiguren beschützt. Unter dem Titel «Ein ägyptischer Schatz – grosser Fund in Theben – die lange Suche von Lord Carnarvon» erschien damals in der britischen Zeitung «The Times» der erste Pressebericht über den Jahrhundertfund.

«Meine Arbeit gleicht immer wieder aufs Neue einem Abenteuer»

Die Entdeckung der Grabkammer «KV62», wie Tutanchamuns letzte Ruhestätte im Tal der Könige von Experten genannt wird, löste eine weltweite Renaissance der Archäo­logie aus. Menschen pilgerten in Scharen nach Luxor, um dabei zu sein, als die wertvollen Schätze nach und nach aus der Grabkammer zu Tage gefördert wurden. Ein Jahrhundert nach Tutanch­amuns Ent­deckung ist das Interesse am Kinds­pharao, der im Alter von neun Jahren den Thron bestieg und von 1336 bis 1327 v. Chr. über Ägypten herrschte, ungebrochen.

Auch auf den Zürcher Mumien-Forscher Frank Rühli (50), dessen Arbeit sich vorallem auf das alte Ägypten fokussiert, übt der damalige Herrscher und die einstige altägyptische Hochkultur seit seiner Kindheit eine Faszination aus. «Das alte Ägypten verfügt über eine sehr gut dokumentierte und extrem reichhaltige Kultur, die Europa und damit auch den Rest der Welt geprägt hat», sagt Frank Rühli, Leiter des Instituts für Evolutionäre Medizin der Uni­versität Zürich, im Ge­spräch mit Lokalinfo. In den vergang­enen 18 Jahren war er gut drei Dutzend Mal im Land der Pharaonen – zuletzt diesen Sommer.

«Ich bin ein Mediziner, der zusammen mit Archäologen versucht die Geheimnisse der Vergangenheit zu enträtseln.»

Als  Paläopathologe hat er bei Ausgrab­ungen auch schon selbst mitangepackt. «Meine Arbeit gleicht immer wieder aufs Neue einem Abenteuer, aus technischen wie auch aus sprach­lichen und wissenschaftlichen Gründen. Ich bin ein Mediziner, der zu­sammen mit Archäologen versucht, die Geheimnisse der Vergangenheit zu ent­rätseln. Um die Todesursache oder die Verwandtschaftsverhältnisse unserer Patienten, die vor TausendenJahren starben, zu er­gründen, wenden wir modernste Technik an», sagt Rühli, der sich selbst als eine Art «wissenschaftlichen Indiana Jones» sieht.

Paläopathologe Rühli bei Mumienuntersuchungen in Oberägypten: Der renommierte Mumien-Experte war seit 2005 zwecks Forschungsarbeiten schon rund drei Dutzend Mal im Land der Pharaonen. Bild: zvg

«Für die Paläopathologie ist der Einsatz bildgebender Ver­fahren wegweisend, da sie eine nichtinvasive Unter­suchung ermög­lichen. Weil sich die Technik aber stetig weiterentwickelt, ist es wichtig, Mumien alle 20 Jahre erneut zu durchleuchten», so der Paläopathologe.

Rühlis Untersuchungen räumten Mordkomplott an Tutanchamun aus

Als Howard Carter dereinst die Hauptkammer betritt, findet er sich in einem 6,4 auf 4 Meter grossen und 3,6 Meter hohen Raum wieder, dessen Wände mit altägyptischen Malereien und Hieroglyphen verziert sind. Tutanchamuns aus einem grossen Block Quarzit gefertigter Sarkophag wird von vier riesigen goldenen Schreinen umhüllt. Als der Ar­chäologe und sein Grabungsteam, dem auch der britische Fotograf Harry Burton (1879–1940), «Carters Auge und Gedächtnis», angehört, die Granitplatte entfernen, finden sie drei ineinander geschachtelte Särge.

Carter kniet neben dem aus massivem Gold gefertigten Innensarg, in dem sich die Mumie des Pharaos befindet. Diesen historischen Moment hält Burton mit seiner Kamera fest. Tausende Grabungsfotografien, mit denen Burton damals die Fortschritte der über Jahre an­dauernden Ausgrabungsarbeiten in der königlichen Nekropole dokumentiert, werden folgen. Dabei hält er auch sämtliche der 5398 Objekte, die in Tutanchamuns Grab gefunden wurden, fotografisch fest.

100 Jahre später ist Burtons detaillierte Bilddokumentation für die Wissenschaft wichtiger denn je. «Bei einer archäologischen Fundstelle ist es wie an einem Tatort. Die lückenlose Dokumentation und Beweismittelsicherung in den ersten Stunden ist enorm wichtig, da bei den Ausgrabungen in den ersten Tagen vieles beschädigt werden kann, das sich ohne eine genaue Bilddokumentation später kaum mehr re­konstruieren lässt», sagt Rühli.

Entgegen zahlreichen Mythen und Legenden, die sich bis dahin um den frühen Tod des einstigen altägyptischen Herrschers, der mit nur19 Jahren starb, rankten, konnte Rühli als Teil eines internationalen Forschungsteams schon vor einigen Jahren die Hypothese, dass der Pharao einem Mordkomplott zum Opfer fiel, ausräumen. «Tutanchamun wurde wohl nicht ermordet. Der einstige Pharao ist nicht – wie lange Zeit vermutet – durch einen Schlag auf den Hinter­kopf gestorben», erklärt der Mumien-Forscher.

«Der einstige Pharao ist nicht – wie lange vermutet – durch einen Schlag auf den Hinterkopf gestorben.»

Viel­mehr deuteten die neuen mittels Computertomografie gemachten Auf­nahmen daraufhin, dass Tutanchamuns Tod ein Unfall war: «Die CT-Scans zeigten eine Kniever­letzung. Das linke Kniegelenk respektive der Oberschenkel wiesen verschiedene Läsionen auf.» Es sei nahe­liegend, dass Tutanchamun infolge von Komplikationen im Zusammenhang mit einem offenen Oberschenkelbruch starb.

Mit dieser Unfall-Theorie lassen sich mehrere Szenarien zeichnen: So ist es möglich, dass der Pharao an seiner Verletzung verblutete oder durch diese geschwächt eine Luftembolie erlitt und daraufhin einem Herzinfarkt erlag. «Die genauen Umstände seines Unfalls, die schliesslich zu seinem frühen Tod führten, werden wohl für immer ungewiss bleiben», so Rühli.

Im Tal der Könige in Oberägypten wurden einst Pharaonen und bedeutende Würden­träger bestattet. Viele Gräber wurden in der Antike ge­plündert. Doch Tut­anchamuns Grab blieb bis zu seiner Entdeckung 1922 nahezu unberührt. Bild: zvg

Im Rahmen des «King TutankhamunFamily Project», zu dem Rühli als Experte hinzugezogen wurde, wurden zwischen Herbst 2007 und 2009 unter der Leitung des Ägyptologen und späteren ägyptischen Staatsministers für Altertümer, ZahiHawass (75), elf Königs­mumien auf ihre Blutsverwandtschaft, Erb- sowie Infektionskrankheiten untersucht – darunter auch Tut­anchamun. Die 2010 veröffentlichten Forschungsergebnisse untermauerten die lang gehegte Annahme, dass Amenhotep IV. (1372–1336 v. Chr.), besser bekannt alsEchnaton (KV55), Tutanch­amuns Vater und dessen Neben­gemahlin, die «Younger Lady» (KV35), seine leibliche Mutter war.

Bis heute weist Tut­anchamuns Stammbaum jedoch noch immer Lücken auf und beschäftigt Ägypto­logen, Historiker und Evolutionsmediziner wie Rühli nach wie vor. So etwa herrscht in Forscherkreisen Uneinigkeit in Bezug auf die «Younger Lady». Einige vermuten demnach, dass es sich bei ihr nicht etwa um Echnatons «namenlose»Nebengemahlin, sondern um eine der mächtigsten Frauen im alten Ägypten handelt: Pharaonin Nofretete, Echnatons verschwunden geglaubte Hauptgemahlin. Ihr in Kalkstein gemeisseltes Antlitz ist längst weltbekannt. Doch von ihr und ihrem Grab fehlte bisher jede Spur.

Königsmumien von Anchesenamun und Mutter Nofretete identifiziert?

Im September kündigte der Ägyptologe Hawass im Interview mit «Il Independente»  dann aber einen bedeutenden Durchbruch im Zusammenhang mit der Erforschung von Tut­anchamuns Familienbanden an. «Im Oktober werden wir die Entdeckung der Mumie von Anchesenamun, der Frau von Tutanchamun, und ihrer Mutter Nofretete bekannt geben können», so Hawass’ Versprechen. Rühli bestätigt, dass ent­sprechende Resultate in den kommenden Wochen vorliegen dürften. Des Rätsels Lösung liegt laut Hawass in der Mumien-­DNA eines im Grab KV35 bereits 1898 ge­fundenen 10-jährigen Jungen. «Wenn dieses Kind der Bruder von Tutanchamun und der Sohn von Echnaton ist, wird das von Nofretete aufgeworfene Problem gelöst sein.»

Der Ägyptologe zählt zum Kreis jener Forscher, die glauben, dass Tutanchamuns Stiefmutter Nofretete nach Echnatons Tod während dreier Jahre unter dem Namen Semench­kare über Ägypten herrschte, bevor dann Tutanchamun den Thron bestieg. «Nebst neuen Informationen über Tutanchamuns Verwandtschaft und Mumifizierung haben wir in den vergan­genen Jahren auch neue Erkenntnisse über seine körperlichen Dimensionen, Ge­brechen und seinen Gesundheits­zustand gewinnen können, die sowohl für die Archäologie und Geschichtsschreibung als auch für die Medizin von grosser Bedeutung sind», sagt Rühli.

Demnach war Tut­anchamun, der nur 1,67 Meter gross und von normalerStatur war, trotz seines jungen Alters von Krankheiten gezeichnet. Er litt wohl nicht nur an Malaria und an einer Verkrümmung der Wirbel­säule, sondern hatte im linken Fuss auch eine aseptische Knochen­nekrose sowie einen Klumpfuss. Er war daher wohl zeitlebens auf eine Geh­hilfe ange­wiesen. Das würde erklären, warum der Regent auf altägyptischen Fresken mit einem Stock dargestellt und in seinem Grab 130 Geh­stöcke gefunden wurden.

Vermächtnis des Kindspharaos wäre fast für immer verloren gegangen

Nach seinem Tod geriet Tutanchamun für lange Zeit in Vergessenheit. Denn obgleich der Pharao während seiner Regentschaft den von Echnaton und Nofretete, Tutanchamuns Stiefmutter, eingeführten Mono­theismus – die alleinige Verehrung der altägyptischen Gottheit Aton ­– abschaffte und den Vielgötterkult wieder ein­führte, haftete ihm seine Abstammung an. Tutanch­amuns Name wurde, ebenso wie der von Ketzer-­König Echnaton und dessen Hauptgemahlin Nofretete, nahezu vollständig aus der damaligen Geschichtsschreibung entfernt.

«Seine Gesichtszüge wirken aufgrund der Mumifizierung auch über 3000 Jahre nach seinem Tod noch immer lebendig.»

Erst über 3200 Jahre später avancierte der zu Leb­zeiten kaum beachtete Pharao zur Ikone der Nachkriegszeit. Bis heute gilt die Entdeckung von Tutanch­amuns Grab, das westlich des Nil­ufers unweit der früheren altägyptischen Machtmetropole Theben liegt und von Grabräubern nahezu unversehrt blieb, als eine der bedeutendsten Funde der Archäologie.

Anlässlich des 100-­Jahr-­Jubiläums der Grabentdeckung in Oberägypten findet am ersten November-­Wochenende in Luxor eine dreitägigeKonferenz statt, zu der Rühli als Redner geladen ist. Im Laufe seiner Karriere hat der Paläopathologe schon mehrere hundert Mumien untersucht – darunter auch die Gletscher-Mumie Ötzi (siehe Box). «Dass im Fall von Tutanch­amun seine Gesichtszüge aufgrund der Mumifizierung auch über 3000 Jahre nach seinem Tod noch immer gerade­zu lebendig wirken, ist beein­druckend», so Rühli.

«Wenn Tutanchamun heute an einer Tramhalte­stelle stehen würde, dann würde ich ihn wiedererkennen.»

Er ist überzeugt: «Wenn Tut­anchamun heute an einer Tramhaltestelle stehen würde, dann würde ich ihn unter all den Leuten mit Sicherheit wieder­erkennen.» Bis heute ist die Mumie des Kindskönigs die einzige, die seit ihrem Fund 1922 nach wie vor immer im Tal der Könige weilt. Ganz anders jedoch sein Goldschatz. Ein Teil der Grabbeigaben, rund 1500 Exponate, wurde bisher im Ägyptischen Museum Kairo ausgestellt, die restlichen Artefakte aus Platzmangel in Museums­kellern und Archiven gelagert.

Mit der bevorstehenden Eröffnung des «Grand Egyptian Museum», des grössten archäologischen Museums der Welt, das rund zwei Kilo­meter von den Pyramiden von Gizeh entfernt liegt, soll sich das bald ändern und Tut­anchmuns Goldschatz in einer Gesamtschau erstmals der Öffentlichkeit gezeigt werden. Darunter auch das wohl bekannteste Artefakt: seine Toten­maske. Die elf Kilogramm schwere, aus massivem Gold gefertigte und mit Lapislazuli, Obsidian, Quarz und Glasein­lagen verzierte Maske zeigt die beachtliche Handwerkskunst der damaligen Zeit. Ihr geschätzter Wert: sechs Milliarden Franken.

Nicht zuletzt waren es jene Goldmaske sowie die unzähligen, kostbaren Grabbei­gaben, die in den Goldenen Zwanzigern den Mythos rund um Tutanchamun befeuerten und dazu beitrugen, das Vermächtnis des Pharaos bis heute am Leben zu halten.

Mumien-Experte Rühli ist Leiter des Instituts für Evolutionäre Medizin und seit August 2021 auch Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich. Bild: © Institute of Evolutionary Medicine, University of Zurich

Wie ein Toter zur Mumie wird

Die Mumifizierung von Toten blickt auf eine lange Tradition zurück. Die wohl bekannteste Art dieses Bestattungsritus findet sich im alten Ägypten. «Unmittelbar nach ihrem Tod wurden die Körper derVerstorbenen entsprechend präpariert, um deren Verwesungsprozess zu stoppen und sie fürs Jenseits zu konservieren», erklärt Mumien-Experte Frank Rühli.

Die künst­liche Mumifizierung eines Pharaos, wie sie im alten Ägypten von Priestern praktiziert und in einem mehrstufigen Verfahren durchgeführt wurde, hat sich im Laufe der Zeit zwar gewandelt, dauerte in der Regel aber 70 Tage.

«Zuerst wurde der Körper des Toten gründlich gereinigt. Anschliessend wurde ein Einschnitt im linken Unterbauch gemacht, um den Verstorbenen auszuweiden. Magen, Lunge, Leber und Gedärme wurden entnommen, die restlichen Innereien entsorgt. Auch das Gehirn wurde entfernt. Danach wurde der Körper mit Natron ausgetrocknet und mit Harzen, Bitumen und Duftstoffen behandelt, bevor er schliesslich mit Bandagen aus Baumwollgewebe eingewickelt wurde», sagt Rühli. Die entnommenen Organe wiederum wurden ebenfalls mumifiziert.

Im Fall von Tutanch­amun wurden sie in Kanopen, altägyptischen Eingeweidegefässen, neben dem Sarkophag, in dem der einstige Pharao zur letzten Ruhe gebettet wurde, beigesetzt. «Tutanch­amun ist allerdings kein Parade­beispiel eines tadellos mumifizierten Leichnams. Er ist nicht zuletzt stark beschädigt, weil bei ihm viel Einbalsamierungsflüssigkeit verwendet wurde und diese sich über die Zeit tief ins ­Gewebe gefressen hat», so Rühli.

Wesentlich besser erhalten hingegen war laut dem Paläopathologen, der auch Präsident des Forschungs­beirats für den «Mann aus dem Eis» ist, die Gletscher-­Mumie Ötzi, als diese im September 1991 am Tisenjoch in den Ötz­taler Alpen entdeckt wurde. «Ötzi wurde durch das Eis auf natürliche Weise konserviert. Dennoch war auch er nicht makellos. Nebst dem Pfeil, der in seiner Schulter steckte, wies Ötzis Leichnam Spuren von Tierfrass auf», sagt Mumien-Experte Rühli, der die Gletscher-­Mumie zusammen mit weiteren Wissenschaftern schon mehrfach untersucht hat.

Aufgrund von Ötzis natürlicher Mumifizierung und dank moderner Computertomografie-Technik ist es Rühli und seinen Kollegen im Jahr 2005 gelungen, den ältesten Kriminalfall der Geschichte zu lösen. Demnach wurde Ötzi, der vor über5300 Jahren lebte, durch einen Schuss in den Rücken getötet. Die Unterschlüsselbein-­Arterie wurde von einer Pfeilspitze durchbohrt und Ötzi erlag aufgrund des grossen Blut­verlusts wohl seiner Schussverletzung.

Ob durch natürliche oder künstliche Konservierung, Mumien sind Zeugen ihrer Zeit und ermöglichen es, auch Tausende Jahre nach deren Ableben ihre Geschichte wieder zum Leben zu erwecken. Dominique Rais

Rühli hat die Mumie von Ötzi mehrfach untersucht. Bild: © Institute of Evolutionary Medicine, University of Zurich
Dominique Rais