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Züriberg
26.10.2022
26.10.2022 11:56 Uhr

So soll der Zoo Zürich dereinst aussehen

«Bis 2050 soll der Zoo Zürich aus 11 grossräumigen Lebensräumen bestehen», sagt Severin Dressen.
«Bis 2050 soll der Zoo Zürich aus 11 grossräumigen Lebensräumen bestehen», sagt Severin Dressen. Bild: Jeanette Gerber
Zoodirektor Severin Dressen äussert erstmals seine Erfahrungen und Pläne nach etwa über zwei Jahren im Amt. Sein Start war von Pech verfolgt, zudem begrüssten ihn einige Medien und gewisse Politiker nicht gerade freundlich.

Seit seinem Antritt im Juli 2020 ist ihm das Glück beruflich nicht besonders hold. Gerade mal vier Tage im Amt wurde eine Tierpflegerin von einem Tiger tödlich verletzt. Kürzlich sind im beliebten Kaeng-Krachan-Elefantenpark tragischerweise drei Elefanten am Herpesvirus gestorben. Und nun gibt es wegen Einsprachen Verzögerungen beim Bau der geplanten Pantanal-Voliere. Unsere Autorin hat Severin Dressen im Zoo getroffen.

Sie wurden von der Franz-Weber-Stiftung bezüglich der Wildtierhaltung im Zoo angegriffen. Unter anderem wird behauptet, dass die Tiere im Zoo ständigem Stress ausgesetzt seien und das den Ausbruch des Virus begünstige. Trifft es zu, dass Elefanten in der freien Wildnis ganz selten an diesem Virus sterben?
Das Endotheliotropic Herpesvirus ist eine Krankheit, die bei allen Elefanten existiert. Man hört von Todesfällen in der freien Wildnis genauso wie in Zoos. Die Aussage der Franz-Weber-Stiftung war rein populistisch. In der Natur werden nur die wenigsten toten Elefanten gefunden, geschweige denn die Todesursache untersucht.

Und der Vorwurf des Elefantenstresses?
Wenn überhaupt, haben unsere Elefanten zu wenig Stress. Sie haben genügend richtiges Futter, keine Fressfeinde, viel weniger Parasiten. Alle Stressoren fallen bei uns weg. Wir wissen es von uns selbst: Chronischer Stress ist ungesund. Doch normaler Stress ist auch enorm belebend und wichtig in unserem Alltag. Es gibt Elefantenexperten, die sogar fordern, dass man die Tiere ein bisschen mehr stressen sollte, damit sie die nötigen Antikörper entwickeln. Solche Erkenntnisse fliessen im Zoo in die Tierhaltung ein: Um unsere Tiere zu beschäftigen und ihnen einen ­abwechslungsreichen Alltag zu gestalten, erhalten sie zum Beispiel ihr Futter nicht einfach serviert. Es wird versteckt oder an immer anderen Orten verabreicht.

Waren Sie mit anderen zoologischen Gärten bezüglich ihrer Erfahrungen mit dieser Viruserkrankung im Austausch und wenn ja, was waren deren Erfahrungen?
Es gibt den europäischen Dachverband EAZA. Da findet zwischen Biologen, Tierpflegern und Tierärzten ein ganz enger Austausch statt.

Wird der Zoo Zürich auch in Zukunft Elefanten halten und züchten?
Ja, der Zoo Zürich hat mit dem Kaeng-Krachan-Elefantenpark eine der modernsten Elefantenanlagen Europas. Es gibt keinen Grund, nicht an den Elefanten festzuhalten. Bezüglich der Zucht sind wir im Austausch mit dem EEP, dem Europäischen Erhaltungszuchtprogramm, welchem unsere Elefanten angehören. Das heisst, unsere Elefanten erhalten vom zuständigen Zuchtbuchführer Zuchtempfehlungen oder nicht. Der Buchführer kennt den Verwandtschaftsgrad der Tiere, und seine Aufgabe ist es, eine genetisch gesunde ­Population von Elefanten zu erhalten. Er hat uns zum Beispiel den Elefantenbullen Thai aus Heidelberg vermittelt. Die Tiere werden also nicht gekauft, sondern jeweils ausgeliehen. Das passiert eigentlich so bei fast allen Tierarten, die in Zoos gehalten werden. Die Tiere werden auf Zeit weitergegeben, bis der Zuchtbuch-Koordinator eine neue Entscheidung trifft.

Was halten Sie davon, dass der Circus Knie seine Prestigenummern mit Elefanten und Raubtieren aus dem Programm gestrichen hat?
Ich tue mich allgemein schwer mit Wildtieren im Zirkus.

Was die Einsprachen von Nachbarn gegen Ihre Pantanal-Voliere-Pläne betrifft: Was haben diese Nachbarn für Argumente dagegen? Und wie muss man sich diese Voliere vorstellen, kann man darin spazieren wie im Masoala-Regenwald?
Wichtig ist mir zu betonen, dass 99,9 Prozent, also eine überwältigende Mehrheit unserer Nachbarschaft, den Zoo unterstützen. Es hat leider eine niedrige einstellige Anzahl von Haushalten, die bereits bei anderen Projekten Einsprache erhoben haben. Die Gründe für diese Einsprache sind haltlos. Mehr darf ich wegen des laufenden Verfahrens nicht sagen.

Aber die Voliere wird begehbar.
Ja, man wird durch diese Voliere spazieren können, und sie wird mit einem Netz überdacht sein. Mit der Pantanal-Voliere verfolgen wir zwei Ziele: Erstens haben wir die Möglichkeit, darin hoch bedrohte Tierarten zu halten. Zweitens können wir den Vögeln einen grossen Luftraum bieten, wo sie sich naturnah werden bewegen können.

Nun etwas Persönliches: Wie fühlen Sie sich nach diesen Rückschlägen?
Da muss man differenzieren. Bei der getöteten Tierpflegerin war ich erst vier Tage im Amt. Es ist tragisch, dass es passiert ist, aber alle, die im Zoo arbeiten, wissen, dass es immer ein Restrisiko gibt. Es war menschliches Versagen und nichtsdestotrotz sehr traurig. Die Einsprachen sind Teil der direkten Demokratie, und damit muss man leben. Die Viruserkrankung und der Tod der drei Elefanten sind Teil der Natur. Ich verstehe total, dass in der öffentlichen Meinung differenziert wird zwischen einem Elefanten und einem Frosch, aber für uns als Wissenschaftler ist es auch bedauerlich, wenn ein hochgradig vom Aussterben bedrohter Frosch stirbt. Was von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird. Das Leben und das Sterben gehören im Zoo zum Alltag. Das kann mich nicht dauerhaft traurig machen. Wenn man das nicht aushält, ist man am falschen Ort.

Erzählen Sie etwas über die geplanten Projekte für den Zürcher Zoo. Sie haben zusammen mit Martin Naville, Verwaltungsratspräsident, dazu ja die Broschüre «Zoo der Zukunft – Zoo Zürich 2021 bis 2050» realisiert.
Bis 2050 soll der Zoo Zürich aus elf grossräumigen Lebensräumen bestehen. Die ersten geplanten Projekte sind die Pantanal-Voliere und Kongo für unsere Gorillas. Wir wollen neue Massstäbe sowohl in der Tierhaltung als auch im Erlebnis für unsere Zoogäste schaffen. Zudem legen wir noch mehr Wert auf unsere vier Grundpfeiler: Artenschutz, Forschung, Bildung und Naturschutz. Das Artenschutzzen­trum Ornis für bedrohte Tierarten konnten wir bereits anfangs Jahr eröffnen. Ein eigenes Naturschutzzentrum im Zoo wird unser Engagement sichtbarer machen und im kommenden Jahr eröffnet.

Wie gefällt es Ihnen und Ihrer Familie in der Schweiz? Wie ist es als Deutscher, müssen Sie in Ihrer Position mit gewissen Vorurteilen klarkommen?
Es gefällt uns sehr in der Schweiz. Wir sind gut angekommen und aufgenommen worden. Meine Frau sagte bereits in den ersten Monaten: «Egal ob du den Job behältst oder nicht, wir bleiben.» Wir geniessen hier eine tolle Lebensqualität. Dass Schweizerinnen und Schweizer verschlossen sind, können wir so nicht unterschreiben. Was gewisse Vorurteile gegenüber uns Deutschen betrifft, haben wir ebenfalls keine schlechten Erfahrungen gemacht. Am Anfang, als meine Anstellung kommuniziert wurde, gab es aus einer Partei offenbar ein paar entsprechende Äusserungen. Ich persönlich habe nichts davon mitbekommen. Und ich denke, dass es wichtig ist, wenn man in ein Land kommt, auch offen für dieses zu sein. Ich bin derjenige, der sich anpassen muss, und nicht andersrum.

Der Direktor mit der modischen Frisur

Severin Dressen ist 1988 in Köln geboren, studierte Biologie in Berlin und London und promovierte in Zoologie an der Universität in Oxford. Zuletzt arbeitete er als stellvertretender Direktor und Zoologischer Leiter im Zoo Wuppertal. Seit Anfang Juli 2020 ist Severin Dressen Direktor des Zoos Zürich und Nachfolger von Alex Rübel. Dressen ist eine imposante Erscheinung: 34 Jahre jung, gut aussehend, knapp zwei Meter gross, die Haare modisch zum Knoten gebunden. Er lebt mit seiner Frau und den drei Kindern in Zürich.

Severin Dressen will bald ein Zoo-eigenes Naturschutzzentrum eröffnen. Bild: Jeanette Gerber
Jeannette Gerber