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Züriberg
05.11.2022
05.11.2022 07:44 Uhr

Frauen werden nicht mehr ausgeschlossen - probehalber

Die Zunft zur Meisen macht den ersten Schritt hin zu einer Öffnung des Sechseläutens auch für Frauen.
Die Zunft zur Meisen macht den ersten Schritt hin zu einer Öffnung des Sechseläutens auch für Frauen. Bild: zvg
Die Zunft zur Meisen legt mit grossem Mehr «den Grundstein für die Aufnahme von Frauen in die Zunft», wie die grösste Zunft von Zürich in einer Mitteilung schreibt. Vorerst gilt aber ein Test von fünf Jahren.

76% Prozent der Meisen-Zünfter sind der Empfehlung der Vorsteherschaft gefolgt und haben in einer brieflichen Abstimmung eine grundlegende Weiche im Zunftleben gestellt, wie die Zunft am Samstagmorgen mitteilte. 
Neu können nicht nur Zünfterssöhne, sondern auch volljährige Zünfterstöchter als ständige Gäste an allen Zunftanlässen inklusive Sechseläuten teilnehmen. Auch externe Frauen aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur oder mit engem Bezug zur Zunft sind als persönliche Gäste an Anlässen willkommen. Das freiwillig gesetzte, hohe Quorum von 75 Prozent Zustimmung wurde erreicht. Schon gestern Freitag wurden die Zünfter über das Abstimmungsresultat in Kenntnis gesetzt.

Statutenänderung nach fünf Jahren
Der Beschluss führt noch nicht zu einer Änderung der Statuten. Nach einer Probezeit von maximal fünf Jahren soll über eine Statutenänderung abgestimmt werden. Frauen sollen dann nicht nur als Gäste, sondern auch als Mitglieder aufgenommen werden können. Die Übergangsphase erlaubt es, Erfahrungen zu sammeln. Insbesondere wird sie zeigen, wie gross das Interesse von Frauen tatsächlich ist, am Zunftleben teilzunehmen.

Vor- und Nachteile diskutiert
Der brieflichen Abstimmung ging ein längerer Prozess voraus. Unter anderem wogen die Meisen-Zünfter an einem Diskussionsabend Vor- und Nachteile einer Änderung gegeneinander ab. Als Pro-Argumente wurden genannt: die veränderte Rolle von Frauen in Familie, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft, die Bereicherung für das Zunftleben, die Pflege und Weiterentwicklung von Tradition sowie die Stärkung des familiären Elements durch die Aufnahme von Zünfterstöchtern.

Wie gehen die anderen Zünfte vor?
Die «Meisen» nimmt mit dem positiven Abstimmungsresultat laut eigenen Angaben womöglich eine Vorreiterrolle ein. Die Vorsteherschaft betont aber, dass jede andere Zürcher Zunft selbständig bestimmen soll und kann, ob und wann sie ebenfalls Frauen stärker integrieren möchte.

Früher waren Frauen erlaubt
Zu meinen, dass Frauen in der langen Geschichte des Zunftwesens nie eine Rolle gespielt hätten, wäre ohnehin falsch. Noch im Ancien Régime war es Frauen erlaubt, das Geschäft ihres verstorbenen Ehemanns zu übernehmen und an seiner Stelle in die Zunft einzutreten. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war es in der Zunft zur Meisen zudem möglich, dass ledige Töchter die Partizipationsscheine ihrer Väter und Grossväter übernehmen konnten. 1891 waren 24 der insgesamt 244 Scheine in weiblicher Hand. Die letzte Frau, die bis zu ihrem Tod im Jahr 1924 als Partizipantin eingetragen war, war Bertha von May. 

pd./ls.