Home Quartiere Sport Regional Rubriken In-/Ausland
Zürich West
09.11.2022
09.11.2022 17:49 Uhr

Die SZU stellt sich dem Quartier

«Arc de Triomphe», «Das neue Tor zum Friesenberg»: Das optisch verunglückte ÖV-Kreuzungssystem am Bahnübergang Friesenberg wird im Quartier auch mit Humor gesehen.
«Arc de Triomphe», «Das neue Tor zum Friesenberg»: Das optisch verunglückte ÖV-Kreuzungssystem am Bahnübergang Friesenberg wird im Quartier auch mit Humor gesehen. Bild: Lisa Maire
Der Publikumsandrang zum öffentlichen Infoabend der SZU war gross. An die 200 Menschen drängten sich in den Veranstaltungssaal des Wiediker Seniorama Im Tiergarten – und wurden Zeugen eines überraschend selbstkritischen Auftritts der Bahnvertreter.

Lisa Maire

Die Anpassung der Sihltal-Zürich-Uetliberg-Bahn (SZU) an ungebremst stark wachsende Passagierzahlen sei ein «Riesenprojekt» und eine «lange Reise», sagte SZU-Direktor Mischa Nugent, als er vor dem Publikum den ersten grossen Meilenstein dieser Reise skizzierte: Unter dem Slogan «SZU 4.0» will die Bahn bis 2032 «pünktlicher, schneller, bequemer» werden. Dafür investieren Bund und Kanton Zürich 800 Millionen Franken in Angebot, Infrastruktur und Rollmaterial für die SZU-Linien S10 und S4.

Private müssen Land abgeben

Die Modernisierungsprojekte, die am Infoabend im Zentrum standen, betreffen die S10-Haltestelle Friesenberg. Dabei geht es um die im Sommer erfolgte Umrüstung der Uetlibergbahn von Gleichstrom auf Wechselstrom und den 2024 anstehenden Ausbau der Haltestelle, die auf die andere Seite der Friesenbergstrasse verlegt werden soll. Die Verlegung sei schon deshalb angezeigt, weil die ­heutige Situation – der Margaretenweg als Perron – eigentlich gar nicht zulässig wäre, erklärte Reto von Planta, Leiter In­frastruktur und Mitglied der Geschäftsleitung SZU. Zudem könnte die Haltestelle dort wegen des angrenzenden jüdischen Friedhofs nicht bedarfsgerecht ausgebaut werden.

Man brauche Platz für zwei Gleise und zwei Perrons inklusive hindernisfreier Zugänge, so von Planta. Die Haltestelle soll deshalb in die bestehende Doppelspur Borrweg verlegt werden – zwischen Agnes-Robmann-Weg und Siedlung Gehrenholz auf der einen Seite und dem Seniorama Im Tiergarten auf der anderen. Gleichzeitig ist eine Verlängerung der Doppelspur bis in den Bereich der heutigen Haltestelle vorgesehen. Für die Umsetzung des Projekts, das im letzten Frühjahr öffentlich aufgelegt wurde, beansprucht die SZU auf der Nordseite einen zusätzlichen Landstreifen. Die Landerwerbsgespräche mit den betroffenen ­Eigentümerschaften (Seniorama und Eckhaus Friesenbergstrasse 145) sind im Gange.

«Auch wir sind erschrocken»

Das Haltestellen-Projekt ist umstritten. Es gibt dagegen Einsprachen beim federführenden Bundesamt für Verkehr (BAV). Auch sind bei der SZU noch viele Anwohnerfragen, etwa betreffend Lärmschutz oder Strahlung, hängig. Trotzdem ist es vor allem das neue Kreuzungssystem beim Bahnübergang, das im Quartier die Emotionen hochgehen liess und nun den Saal im Seniorama füllte.

Die von SZU, VBZ und weiteren Experten ausgetüftelte Konstruktion erlaubt den VBZ-Trolleybussen mit ihren 600-Volt-Gleichstrom-Fahrleitungen ein ungehindertes Passieren der 15  000-Volt-Fahrleitungen der Bahn, kommt aber leider als 33 Meter langes, 32 Tonnen schweres Stahl-Beton-Ungetüm daher. Das Projekt wurde zwar 2019 öffentlich aufgelegt und ausgesteckt – mit den bei Bahnprojekten üblichen «diskreten» Profilen. Hätte man gewusst, dass sich hinter den farbigen Bodenmarkierungen und kniehohen Pfählen ein solches Monster verbirgt, hätte man sich mit Einsprachen wehren können, klagten Stimmen aus dem Quartier. Die SZU wurde bombardiert mit Vorwürfen. Von Intransparenz und Arroganz war die Rede, von massivem gestalterischem Eingreifen in Quartierstrukturen über die Köpfe der Bevölkerung hinweg.

Die heftige Kritik scheint beim Adressaten angekommen zu sein: Am Infoabend – schon dies eine Premiere für die SZU – gaben sich die Bahnvertreter schuldbewusst. Ja, man habe Fehler bei der Kommunikation gemacht, gestanden sie und gelobten Besserung. Und: Ja, das Bauwerk sei nicht schön. «Auch wir sind erschrocken, als wir das erste Mal ­davorstanden», versicherte von Planta mit zerknirschter Miene. Das Publikum quittierte das Eingeständnis mit einem irgendwie wohlwollend klingenden ­Lachen.

Nur ein temporäres Übel

Zusammen mit der Stadt will die SZU nun nach besseren optischen Lösungen suchen. Der Spielraum dafür hänge vom Ergebnis der zurzeit laufenden Statikprüfungen ab, so von Planta. «Je nachdem ist vielleicht eine Verschlankung möglich.» Auch technische Verbesserungen seien noch nötig. Denn bisher könnten die Züge mit maximal 20km/h über die Kreuzung fahren, damit es nicht zu Funkensprüngen kommt. Die Anlage sei aber ­sicher, «Sicherheit hat oberste Priorität», beschied Nugent einem besorgten Anwohner, der von «explosionsartigen Ereignissen» gehört hat.

Aber warum ist das Bauwerk überhaupt nötig? Könnten die Trolleybusse den Bahnübergang nicht einfach im Batteriebetrieb, mit eingezogener Rute, überqueren?, fragen sich manche im Quartier. VBZ-Projektleiter Oliver Tabbert erklärte, warum das nicht geht: Manche der Doppelgelenkbusse, die auf der Linie 32 zum Einsatz kommen, hätten nicht genug potente Batterien, um die zu überbrückende Strecke ohne Probleme zu ­bewältigen, vor allem bergaufwärts. Und bis alle Fahrzeuge mit kleinen Traktions­batterien ersetzt werden können, dauere es noch bis zu zehn Jahre. Und dann? «Kommt das Monster dann weg?», wollte das Publikum wissen. «Wenn die Rute mal nicht mehr nötig ist, wird abgebaut», bestätigte VBZ-Direktor Marco Lüthi. Man könne allerdings nicht garantieren, dass dies wirklich in zehn Jahren der Fall sein wird.

Hätte die SZU von Anfang kommuniziert, dass das Bauwerk nicht für alle Zeiten steht, hätte man sich viel Aufregung sparen können, kommentierte der Wiediker Quartiervereinspräsident Urs Rauber aus dem Publikum. Er lobte die Bahnvertreter aber auch für das ehrliche Eingeständnis, dass einiges falsch gelaufen sei.

Wie viele Jahre auch immer das hässliche «Tor zum Friesenberg» noch stehen bleibt: Anwohnerinnen und Anwohner erhalten eine neue Chance, ihre Rechte wahrzunehmen. Denn das Projekt werde nochmals neu aufgelegt, verkündete die SZU: Infolge verschiedener Projektanpassungen hätte dies bereits 2021 geschehen sollen. Wegen eines Verfahrensfehlers des BAV sei es jedoch nicht dazu gekommen.

Lisa Maire