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Zürich Nord
08.11.2022
10.11.2022 16:55 Uhr

Zoff um ein Wäldchen und ein Testament

Dieser Miniwald unterhalb der beiden Wohnhäuser soll wegkommen. Die Nachbarschaftsinitiative Buchegg will sich für den Erhalt einsetzen. Man sei nicht gegen Neubauten, aber nicht so radikal.
Dieser Miniwald unterhalb der beiden Wohnhäuser soll wegkommen. Die Nachbarschaftsinitiative Buchegg will sich für den Erhalt einsetzen. Man sei nicht gegen Neubauten, aber nicht so radikal. Bild: zvg
Es ist ein Sinnbild für die Stadtentwicklung: Zwei Häuser oberhalb der Rosengartenstrasse sollen abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden. Die Nachbarschaft setzt sich für den Erhalt der alten Bäume ein. Lanciert wurde sogar eine Petition. Im Raum steht zudem die Missachtung eines Testaments.

Pia Meier

Das Wohnhaus an der Bucheggstrasse 35 ist ausgesteckt. Das Baugesuch wurde aber noch nicht veröffentlicht. Die Liegenschaft sieht älter aus, hat aber einen grossen Umschwung. Beeindruckend sind die immens hohen Bäume. Gemäss Aussteckung müssen diese Bäume gefällt werden, denn der Garten wird viel kleiner. Vorgesehen sind auf dem Areal neu zwei Häuser nebeneinander. Den Mieterinnen und Mietern wurde gekündigt. Die Eigentümer planen zusammen mit der Eigentümerschaft des benachbarten Gebäudes an der Tièchestrasse 29 im Mai 2023 gemeinsam den Abriss ihrer Liegenschaften. Letzteres ist noch nicht ausgesteckt. Aber die Mieterschaft hat kürzlich ebenfalls die Kündigung erhalten. Auch auf diesem Areal sind zwei Neubauten vorgesehen. Insgesamt sollen auf den beiden Arealen in Zukunft vier Neubauten inklusive Tiefgarage erstellt werden, dies auf Kosten des Grünraums und der Bäume.

Eine riesige Biodiversität

In den Gärten dieser Liegenschaften stehen eine Zeder, ein kleiner und ein grosser Ahorn, eine Tanne, eine Thuja, eine Birke, Magnolien, diverse Eiben, Quitten-, Apfel-, sowie Birnenbäume, dazu kommt eine Sequoia und sogar ein kleinerer Mammutbaum. Auch die Tierwelt ist vielfältig. Dazu gehören unter anderen Fuchs, Igel, Buntspecht, Eichhörnchen, Wiesel, Finken, Meisen, Taubenschwanz, Eichel­häher, Salamanderpärchen, Wildbienen, Kröten und Glühwürmchen. Das alles haben die Kritiker des Abbruchs zusammengetragen.

Klimaschutz wichtig

Aus der Nachbarschaft der beiden Liegenschaften hat sich nun die Nachbarschaftsinitiative Buchegg gebildet. Diese hat eine Petition lanciert. Die Nachbarinnen und Nachbarn sind nicht dagegen, dass dort neu gebaut wird. Aber der ­Grünraum, das heisst vor allem die alten Bäume, soll erhalten bleiben. «Wir fordern aus ökologischen und Klimaschutzgründen, dass die Bäume an der Bucheggstrasse 35 und der Tièchestras-se 29 erhalten bleiben und keine Fällungen stattfinden, bis es zu ­einer multi­lateralen Verständigung und politischen Diskussion gekommen ist», wird festgehalten. Der Lebensraum zahlreicher Tier- und Pflanzenarten werde so zerstört.

Die Initianten der Petition weisen darauf hin, dass Altbäume mehr CO2 speichern als Jungbäume. «Ob und wie viele davon überhaupt nachgepflanzt würden, ist nicht bekannt», sagt Niklas Gehlen zu ­dieser Zeitung. Weiter würden Bäume Schatten spenden bei zunehmend heissen und trockenen Sommern und somit auf natürliche Art und Weise die Temperaturen in der Stadt senken. Auch würden Wurzeln der Bodenerosion durch Wind und Regen vorbeugen. Und nicht zuletzt würde der Lärm der viel befahrene Rosengartenstrasse alle Anwohnenden nach einer Rodung noch stärker belasten.

Sie haben die Petition lanciert zusammen mit der Nachbarschaft: Tatjana und Niklas Gehlen. Sie wohnen nicht in den gekündeten Häusern. Bild: Pia Meier

«Ein Loch in der Baustruktur»

Zudem würde dieses Neubauprojekt ein Loch in die bestehende Bebauungsstruktur aus Altbauten und grosszügigen Grünanlagen reissen. «Die sich hier bereits seit Jahrzehnten entwickelte Biodiversität, von der Menschen und Tiere gleichermassen profitieren, wird sicherlich einen grossen Schaden nehmen», ist Niklas Gehlen überzeugt. Durch das Bauprojekt würden die Einzelinteressen von Immobilienunternehmern (Renditemaximierung) den massgeblichen Problemen und Fragen der Zeit wie Klimanotstand und Klimaschutz gegenüberstehen. «Während andere Städte mühevoll ihre bestehenden, alten Bäume schützen und bemüht sind, die Lebensqualität der Bewohner durch das Pflanzen vieler neuer Bäume zu steigern, werden in Zürich der Reihe nach Bäume gefällt. Die grünen Oasen, die diese Stadt und insbesondere Wipkingen lebenswert machen, sollen verschwinden und immer dichteren Wohnblocks Platz machen.»

Letzter Wille nicht eingehalten?

Weiter wird auf ein Testament hingewiesen. Den langjährigen Mietern wurde nämlich entgegen dem Letzten Willen der ehemaligen Besitzerin gekündigt. In ihrem Testament (dieses liegt dieser Zeitung vor) ist festgehalten: «Ich möchte, dass den jetzigen Mietern der Liegenschaft Bucheggstrasse 35 die Möglichkeit gegeben wird, das jetzige Mietverhältnis zu denselben Bedingungen wie bis an-hin weiterzuführen und vor allem den Garten mit eigenen Vorstellungen zu gestalten.»

Die Eigentümerschaft der Liegenschaft Bucheggstrasse 35 wurde für eine Stellungnahme mehrmals angefragt, hat sich aber bis Redaktionsschluss nicht gemeldet.

https://www.openpetition.eu/ch/petition/online/rettet-die-baeume-der-bucheggstrasse-35

Pia Meier