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Stadt Zürich
09.11.2022
10.11.2022 09:33 Uhr

Mit Fernwärmenetz zum Klimaziel

Bild: ERZ
Die Verbindung zwischen den Fernwärmenetzen Zürich-Nord und Zürich-West ist in Betrieb. Stadträtin Simone Brander, Daniel Aebli (ERZ) und Esther Weber (Baugenossenschaft Oberstrass) haben an einer Medienpräsentation Details erläutert und einen Verbindungshebel umgelegt.

Langmauerstrasse, Zürich Oberstrass. Ein unscheinbarer Schachtdeckel, etwa zwei Quadratmeter gross. Doch darunter, zwanzig Meter in die Tiefe reichend, befindet sich eine zentrale Installation der Fernwärmeversorgung Zürichs: die neue Verbindung der Fernwärmenetze Zürich-­Nord und Zürich-West – eine imposante Halle mit einem komplexen Rohrsystem.

Hier werden die zwei Stränge der Hauptleitung verkuppelt, durch die Wärme aus der Kehrichtverwertungsanlage (KVA) Hagenholz nun auch in das Einzugsgebiet der früheren KVA Josefstrasse transportiert und das erkaltete Wasser wieder zurückgeführt wird. Mittlere Rohre erschliessen die umliegenden Quartiere, die kleinsten führen zu einzelnen Abnehmern. Erste Abnehmerin nach dem Zusammenschluss ist die benachbarte Baugenossenschaft Oberstrass (BGO).

600'000 Tonnen CO2 vermeiden

Dank der Erweiterung der Fernwärmegebiete können in beträchtlichem Ausmass CO2-Emissionen vermieden werden. «Dies ist eine Massnahme, um das Ziel netto null bis 2040 in Zürich erreichen zu können», sagte Stadträtin Simone Brander an einer Medienkonferenz anlässlich des offiziellen Zusammenschlusses der Netze.

Bis jetzt verbrauchen die Heizungen laut Brander um die 600 000 Tonnen CO2 pro Jahr. «Unsere Heizungen werden zu 80 Prozent durch Öl und Gas betrieben. Das soll sich mit der Fernwärme-Energie ändern.» Das angepasste kantonale Energiegesetz verlange, dass auf neue Öl- und Gasheizungen verzichtet werde. Ziel sei, den Anteil des mit Wärmenetzen erschlossenen Siedlungsgebiets von heute 30 auf 60 Prozent zu erhöhen.

Durch die neue Verbindung werden zahlreiche neue Quartiere erschlossen. «Es wird immer genug Abfall geben, der verbrannt werden kann», begegnete Brander etwaigen Zweifeln. Im Notfall könne die Wärme jedoch auch zum Beispiel durch die Verbrennung von Holz produziert werden.

Ideal für dicht besiedelte Gebiete

Momentan reicht jedoch die Energie nicht aus, um das von Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ) betriebene Fernwärmenetz auch im Winter vollständig mit erneuerbarer Energie zu betreiben. Deshalb wird mit fossiler Energie ergänzt, worauf man bis 2040 vollständig verzichten möchte. «Besser als Öl und Gas und den Abfall einfach so zu verbrennen ist es allemal», meint Brander.

Besonders gut geeignet seien Wärmenetze für Gebiete, die sich in der Nähe von lokalen Energiequellen wie eben KVA oder auch Wasser befinden. Auch dicht besiedelte Gebiete, wie es sie in Zürich viele gibt, eignen sich dafür gut, da kaum Platz für Wärmepumpen vorhanden ist. 

Erste Wahl einer Genossenschaft

Esther Weber, Geschäftsführerin der BGO, erläuterte, weshalb sie sich für den Umstieg auf Fernwärme entschied. «Wir haben verschiedene uns wichtig scheinende Aspekte aufgelistet. Dazu gehörten die Ökologie, die Ökonomie, die Soziokultur und die Technik. Auch war es uns ein grosses Anliegen, ein erweiterbares System zu bekommen.»

Zu Beginn waren auch Erdsonden in Betracht gezogen worden. «Da wir jedoch im Untergrund mehrere Tunnels haben, hätte sich das nicht geeignet.» So entschied man sich für Fernwärme und unterschrieb 2016 den Vertrag mit ERZ.

Nun kommt die Wärme also hier in Oberstrass an, nachdem vier Jahre lang ein zweieinhalb Kilometer langer Tunnel mit ­einem Durchmesser von 3,4 Metern erstellt worden war, wie ERZ-Direktor Daniel Aebli berichtete. 250 Wohnungen werden nun mit Fernwärme versorgt. Zur Feier des Tages legte Simone Brander in der neuen Energiezentrale der BGO den Hebel um. Und der Temperaturzeiger begann zu klettern.

Thermische Wärme als Energiequelle der Zukunft

Der Anschluss weiterer Gebiete an das mit Fernwärme vom Hagenholz gespeiste Netz bildet nur einen Teil der Ausbaustrategie der Stadt. Ein gewichtiger weiterer Schritt soll in Etappen bis 2040 erfolgen. Über dessen Finanzierung werden Zürichs Stimmbürgerinnen und Stimmbürger am 27. November befinden. Es handelt sich um ein «Generationenprojekt» mit Gesamtkosten von 573 Millionen Franken, die aber keine Steuergelder beanspruchen, sondern lediglich eine Vorfinanzierung des eigenwirtschaftlich operierenden EWZ darstellen. 

Als neue Energiequellen für die Wärme- (und Kälte-)Versorgung sollen künftig zum einen Abwärme aus dem Klärwerk Werdhölzli, aus der Klärschlammverwertung sowie aus Rechenzentren, zum anderen Umweltwärme aus See- und Grundwasser und schliesslich Holz eingesetzt werden. 

Von den Parteien spricht sich einzig die SVP gegen die Vorlage aus. Sie bemängelt, dass darin der hohe Stromverbrauch von Kompressoren, Pumpen und Steuerungen nicht erwähnt werde. Die hohe Abhängigkeit der thermischen Netze von der Stromversorgung sei ­angesichts der zu befürchtenden ­Stromlücke bei gleichzeitig forcierter Elektrifizierung von Wirtschaft und Gesellschaft hoch riskant.

Rahel Köppel und Tobias Hoffmann