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Zürich West
18.11.2022
19.11.2022 10:25 Uhr

Bubeneishockey auf der Aemtlerwiese

Hermann Schumacher als 3-Jähriger.
Hermann Schumacher als 3-Jähriger. Bild: zvg
Der im Jahre 1933 geborene Wiediker und Quartierhistoriker Hermann Schumacher blickt schriftlich auf seine Kindheit und Jugend zurück.

Fabian Brändle

Der Wiediker Hermann Schumacher kam im Jahre 1933 zur Welt, einem bedeutenden Jahr also, denn damals kamen in Deutschland die Nationalsozialisten Adolf Hitlers an die Macht. Hermann Schumacher war Maler/Tapezierer respektive Schriftenmaler, später Inhaber eines Farbengeschäfts.

Er ist ein intimer Kenner Wiedikons und wirkte auch in Filmen über das Quartier mit. In seinen lesenswerten, just erschienenen Kindheitserinnerungen beschreibt er das Wiedikon der 1940er-Jahre. Hermann Schumachers Mutter, Maria Anna Schlachter (geboren 1906), war eine Deutsche und fand in Zürich Arbeit und Liebesglück.

Als Deutsche war sie in den bitteren Kriegsjahren oftmals Zielscheibe von bösen Witzen und von Spott. Die Mutter war eine starke, mutige Frau, die in München berufsbegleitend die Schauspielschule absolviert hatte. Während der Kriegsjahre 1939 bis 1945 wies sie den Bundesrat mehrfach brieflich auf Missstände hin. Diese Briefe sind im schön und aufwendig bebilderten Büchlein teilweise abgebildet.

Nicht immer gings idyllisch zu

Hermann Schumacher verbrachte eine manchmal wilde Kindheit in Wiedikon. Er spielte gerne draussen mit seinen zahlreichen Freunden und verübte gemeinsam mit ihnen so manchen gelungenen Streich. So bediente sich die Bubenschar bei den Bierflaschen, die auf Baustellen liegen geblieben waren.

Manch ein Bube nahm selbst einen kräftigen Schluck, sehr zum Leidwesen der Bauarbeiter, die sich natürlich sehr auf das feine Bier gefreut hatten. Die Welt der Erwachsenen übte ohnehin einen grossen Reiz auf die Wiediker Clique aus. Erwachsene waren zudem manchmal Vorbilder, dienten aber auch zum Spott der Heranwachsenden, die ganz schön brutal und fies sein konnten. Es ging ohnehin nicht immer idyllisch zu und her im Wiedikon der 1940er-Jahre, denn Nachbarschaftsstreit kam recht oft vor. Daran hat sich bis heute nur wenig geändert.

Aemtlerwiese und Schulanlage Aemtler auf einer Fotografie aus dem Jahre 1909. Bild: Tiefbauamt Zürich

«Die Eltern gingen fast jeden Samstagnachmittag ins Cinema Royal zu einer Filmvorführung. Das machte uns neu­gierig.» Die Schumacher-Buben wollten selbstredend am Vergnügen teilhaben, waren aber noch zu jung. Sie schlichen sich in den Kinosaal hinein, wurden jedoch entdeckt, fanden dann aber dank einer Baustelle übers Dach einen Weg hinein ins Glück. Die Sache endete jedoch mit einer mehr als saftigen Busse von 60 Franken. Das Familienbudget war ansonsten in der Regel zu knapp bemessen, um den Kindern gross Spielzeug zu kaufen oder sie Vereinen beitreten zu lassen. Ein favorisierter Spielort der Jungmannschaft war daher draussen die Aemtler­anlage. In den 1940er- und 1950er-Jahren wurde bei grosser Kälte ein Eisfeld eingerichtet. Der Eintritt von 50 Rappen war jedoch zu teuer für die ärmeren Kinder des Quartiers, die sich folglich durch ein Loch des Lattenzauns Zutritt verschafften.

Der Aufseher erkannte jedoch den Trick und liess das Loch mit Leisten sichern. «Also zügelten wir auf die Eisfläche des Weihers in der alten Lehmgrube der Ziegelei Heuried.» Dort spielten die Buben Hockey, sie «chnebleten» und eiferten ihren Idolen des ZSC nach. Doch barg diese wilde «Chneblerei» grosse Risiken, denn das dünne Eis konnte brechen. Das geschah auch einmal, und Hermann Schumacher wäre beinahe ertrunken.

So gross die Freiheiten damals für ­einen Buben waren, so gross waren auch die mannigfachen Gefahren, schwer, ja tödlich zu verunfallen.

Wiediker Kindheitserinnerungen. Hermann Schumacher, Zürich 2022.

Das Büchlein ist in Zusammenarbeit mit dem Ortsmuseum Wiedikon und dem Quartierverein Wiedikon entstanden.

Bestelladresse: info@ortsmuseum-wiedikon.ch

Fabian Brändle