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Züriberg
15.11.2022
15.11.2022 15:14 Uhr

Wer gab dem Schulhaus Scherr den Namen?

(V. l.) Martin Stotz, Schulleiter Schule Scherr, Alessandro Saeli, Abwart Schule Scherr, Stascha Bader, Initiant, Bettina Uhlmann, Präsidentin Quartierverein Oberstrass, Dominik Schaub, Mitarbeiter Präsidial­departement, Andrea Toneatti, Objektmanager Schulbauten.
(V. l.) Martin Stotz, Schulleiter Schule Scherr, Alessandro Saeli, Abwart Schule Scherr, Stascha Bader, Initiant, Bettina Uhlmann, Präsidentin Quartierverein Oberstrass, Dominik Schaub, Mitarbeiter Präsidial­departement, Andrea Toneatti, Objektmanager Schulbauten. Bild: Mark Akermann
Eine neue Tafel würdigt die Verdienste von Ignaz Thomas Scherr. Die Idee kam aus dem Quartier. Die Stadt spricht von einem «offensichtlichen Defizit», dass man den pädagogischen Pionier bisher nicht geehrt habe.

Am Anfang stand die Neugier eines Vaters. Warum eigentlich, so fragte sich Stascha Bader, trägt das Primarschulhaus, das seine Tochter im Kreis 6 besucht, den Namen «Scherr»? Schnell fand er heraus, dass die Schule ihren Namen einem gewissen Ignaz Thomas Scherr verdankt. Eine weitere Recherche zeigte ihm, dass dieser Scherr ein bemerkenswerter Pädagoge und ein wichtiger Pionier der Volksschule im Kanton Zürich war.

Aus Württhemberg

Ignaz Thomas Scherr (1801–1870) stammte aus dem deutschen Württemberg und wurde wie schon sein Vater Lehrer. 1825 berief man ihn nach Zürich, um hier eine Blindenschule zu leiten. 1831 wurde er eingebürgert und ein Jahr später vom Regierungsrat als Direktor des Lehrerseminars in Küsnacht gewählt. Scherr wurde zur treibenden Kraft hinter der Modernisierung der Lehrerbildung und dem Aufbau der Zürcher Volksschule. Er setzte sich als Liberaler für eine säkulare Schule ein, er gehörte auch dem Erziehungsrat an und schuf verschiedene Lehrmittel.
Das ging nicht ohne erbitterte Kämpfe gegen die Konservativen, und nicht selten liess er sich abends nach Sitzungen auf dem Heimweg von Zürich nach Küsnacht wegen wüsten Drohungen des politischen Gegners von kräftigen Seminaristen begleiten. Damals, vor der Gründung der modernen Schweiz, waren die politischen Auseinandersetzungen heftig und nicht selten auch gewalttätig. Als dann nach dem Züriputsch von 1839 die Konservativen im Kanton Zürich an die Macht kamen, wurde Ignaz Thomas Scherr sofort entlassen.

Förderer der modernen Volksschule

Er gründete weitere Schulen, in Winterthur und auch im Kanton Thurgau, wo er später Wohnsitz nahm. In Zürich erinnerte man sich später wehmütig an den pädagogischen Pionier, und als die Gemeinde Oberstrass das neue klassizistische Schulhaus neben der Kirche baute, gab man ihm den Namen des Förderers der modernen Volksschule: Ignaz Thomas Scherr. Ob der Bau 1864 oder 1865 erfolgte, ist übrigens nicht ganz klar, wie man bereits beim 125-Jahr-Jubiläum der Schule Scherr vor ein paar Jahren merkte.

Frage an Corine Mauch

Stascha Bader, der neugierige Vater, war begeistert, als er von dieser Biografie erfuhr. Und er fragte per E-Mail an die Stadtpräsidentin, ob es Scherrs Leben und seine Verdienste nicht wert wären, auf einer Tafel am Schulhaus bekannt gemacht zu werden? Er rannte offene Türen ein. Bei der Enthüllung der Tafel am  Schulhaus am 31. Oktober sprach ­Dominik Schaub, der Vertreter der Stadtzürcher ­Präsidialabteilung, von einem ­«offensichtlichen Defizit», dass Ignaz Thomas Scherr bis anhin nirgends gewürdigt worden sei. Und Schulleiter Martin Stotz sagte: «Als ich davon hörte, wusste ich sofort: Das müssen wir haben!»

Quartierverein half mit

Auch Bettina Uhlmann, die Präsidentin des Quartiervereins Oberstrass, die einst ihre Primarschulzeit im Scherr verbracht hatte, fand es toll, dass die Stadt die Wissenslücke bei ihr und vielen anderen so unkompliziert gestopft habe. Stascha Bader, der Initiant, bemerkte sogar, die umstandslose Reaktion der Stadt auf seinen Wunsch habe bei ihm das Vertrauen in die Institutionen gestärkt.

Jetzt kann man es nachlesen

Künftig können sich Schülerinnen und Schüler, neue und alte Lehrkräfte und alle Passantinnen und Passanten auf der weissen Tafel rechts neben dem Haupteingang der Schule schlaumachen darüber, was das für einer war, dieser Ignaz Thomas Scherr.

Thomas Isler