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17.11.2022
17.11.2022 09:47 Uhr

Sepp Blatter: «Infantino ist grössenwahnsinnig»

Auf Ballhöhe: Joseph S. Blatter kommentiert für Zürich24 die Fussball-WM in Katar.
Auf Ballhöhe: Joseph S. Blatter kommentiert für Zürich24 die Fussball-WM in Katar. Bild: Linth24
Ex-Fifa-Präsident Sepp Blatter blickt für Zürich24 einen Monat lang nach Katar. Im grossen Interview zum Start der WM spricht er Klartext.

Thomas Renggli

Kürzlich sagte Sepp Blatter öffentlich, er sei von Anfang an gegen die WM in Katar gewesen – und habe auch dagegen gestimmt. Trotzdem blickt er mit grossem Interesse in den Nahen Osten und ist bereit, ab Sonntag diese vieldiskutierte Weltmeisterschaft im Verbund von Portal24, zu dem 17 lokale Online-Portale gehören, zu kommentieren.

Blatter und die WM auf Zürich24

Dies freut uns. Denn Joseph S. Blatter ist auch nach seinem Abgang bei der Fifa ein vielbeschäftigter Mann. Weltweit zählt er neben Roger Federer und Martina Hingis zu den drei bekanntesten Schweizern. Würde er jede Einladung annehmen, würde er täglich mindestens drei Mal zu Mittag essen, sagte er.

Grosse Härte gegen Infantino

Mit dem folgenden Interview steigt Zürich24 in den arabischen WM-Monat ein. Dabei hofft Blatter natürlich, dass die Schweizer Nationalmannschaft einmal mehr zur Hochform aufläuft. Weniger gutgesinnt ist er seinem Nachfolger Gianni Infantino gegenüber, mit dem er in erstaunlich grosser Härte abrechnet. Kritische Töne gibt es auch zu Michel Platini. Erstaunlich auch: Der Ex-Fifa-Präsident, der die Fifa zu einem reichen, weltumspannenden Konzern machte, wünscht sich heute, dass der Fussball «wieder zu seinen Wurzeln zurückkehrt, die sozialkulturelle Bedeutung zurückgewinnt und nicht nur die weitere Kommerzialisierung anstrebt».

Herr Blatter, geht es Ihnen?
Sehr gut. Für die Olympischen Spiele im Marathonlauf werde ich mich zwar nicht mehr qualifizieren. Aber das Chassis ist wieder repariert – und der Kopf voll da. Und ich freue mich auf die Weltmeisterschaft. Dank meinem grossen TV-Bildschirm bin ich in meiner Wohnung in Zürich jederzeit auf Ballhöhe.

Welches Gefühl haben Sie, wenn Sie nach Katar blicken? Schliesslich ist der Austragungsort bis heute höchst umstritten.
Fussball ist das schönste Spiel der Welt – es fasziniert mich, egal wo es gespielt wird. Aber für mich war immer klar: Katar war ein Irrtum. Irgendwie haben viele die Situation falsch eingeschätzt – auch ich. Als die Kandidatur des Emirats einging, glaubte niemand an eine echte Chance dieser Bewerbung.

Da hat sich vieles geändert, heut lebt sogar Fifa-Präsident Gianni Infantino in Katar.
Das ist mir schleierhaft. Er kann doch nicht Chef der lokalen WM-Organisation sein. Das ist nicht seine Aufgabe. Dafür gibt es zwei Organisationskomitees – ein lokales und eines der Fifa. Der Fifa-Präsident müsste die Oberaufsicht haben. Ein Beispiel: Es gibt ja den Vorschlag, man solle für die verstorbenen Arbeiter und die Hinterbliebenen einen Fonds einrichten. Katar sagt «Nein». Was soll jetzt die Fifa entgegnen, wenn ihr Präsident mit Katar im selben Boot sitzt?

«Katar war ein Irrtum.»
Sepp Blatter

Die offenbar vielen Opfer auf den Baustellen sind ein düsterer Aspekt des Turniers.
Wir haben ab 2011 oder 2012, als erste Kritiken kamen, beschlossen, dass künftige Kandidaten für eine WM-Endrunde auch auf den sozialen und soziokulturellen Zustand durchleuchtet werden müssen. Vielleicht war dies zu spät. Die Toten sind tragisch – und ein verheerendes Signal. Gleichzeitig muss man immer wissen, warum jemand stirbt. Es wurden in Katar ja nicht nur Stadien gebaut, sondern eine ganze Infrastruktur.

Hat der Fussball durch die WM in Katar Schaden genommen?
Kurzfristig, ja. Und ich bin ein Teil davon. Ich will das nicht schönreden und sage nochmals, es war ein Irrtum, nach Katar zu gehen, basierend auf einer Entscheidung, als ich der Präsident war - und ich trage dafür einen Teil der Verantwortung.

Es gibt aber auch andere Problemzonen im Weltsport – allen voran Russland. Das Land ist vom Sport ausgeschlossen. Sie fordern ähnliche Sanktionen auch gegen den Iran.
Ja, ich würde den Iran von der WM ausschliessen. Die Zustände in diesem Land und die Diskriminierung der Frauen verstossen gegen die Menschrechte. Ich habe zu meiner Zeit als Fifa-Präsident die Möglichkeit gehabt, im iranischen Kongress zu sprechen, und forderte die Regierung auf, die Frauen einzubinden. Dies gab einen wichtigen Anstoss, dass Frauen danach Fussballspiele in den Stadien verfolgen konnten.

«Ich würde Iran von der WM ausschliessen.»
Sepp Blatter

Weshalb nimmt sich Ihr Nachfolger Gianni Infantino dieses Problems nicht an?
Er hat keine Courage. Infantino verweigert sich ja bereits, mit den Katari einen Fonds zu gründen, der die verunglückten Arbeiter unterstützt. Er bringt noch nicht einmal den Mut auf, einfache Journalistenfragen zu beantworten.

Drehen wir das Rad der Zeit zurück – zum 2. Dezember 2010, als Sie in Zürich die Karte mit dem Namen Katar aus dem Couvert zogen. Können Sie sich noch erinnern, wie Sie sich fühlten?
Sicher – und Sie sehen es an meinem Gesichtsausdruck auf den Fotos an, dass ich nicht begeistert war. Allerdings kannte ich das Ergebnis der Wahl schon, bevor ich den Umschlag öffnete. Gleichzeitig bin ich mit mir im Reinen: Bei mir wusste jeder, wie ich abgestimmt hatte. Ich war gegen Katar – das wussten auch die Katari selber. Wir wollten 2018 nach Russland und 2022 in die USA – als Zeichen der Ost-West-Verständigung mit der Idee eines Handschlags für Frieden in Zusammenarbeit mit der Friedensnobelpreis-Stiftung. Platini unterband dieses Vorhaben. Er sagte: «Du kannst nicht mehr auf alle meine Wahlmänner zählen.» So kam alles anders. Mit Platinis Stimmen hätten die USA mit 12:10 gewonnen, dann hätten wir das Theater nicht.

Es war der Tag, der alles veränderte?
Das kann man so sehen. Nach der Wahl Katars bezeichneten die Amerikaner die Fifa als kriminelle Organisation. Diesen Vorwurf mussten sie zwar fallenlassen, aber unter diesem Eindruck kam es damals zur Razzia im Hotel Baur au Lac in Zürich. Wobei ich zu diesem Ereignis sagen muss: Es wurden ausschliesslich Funktionäre aus Amerika verhaftet, die ihre Straftaten im Rahmen ihrer Tätigkeiten für die amerikanischen Konföderationen – und nicht für die Fifa – begangen hatten.

«Während sieben Jahren war ich vorverurteilt.»
Sepp Blatter

In Ihre Amtszeit als Präsident fallen zahlreiche Skandale. Wie würden Sie Ihre Amtsführung bezeichnen?
Als ich 1998 zum Fifa-Präsidenten gewählt wurde, hatten wir kein Geld in der Kasse, sondern ein Minus in der Höhe eines zweistelligen Millionenbetrags. Als ich die Fifa verliess, übergab ich meinem Nachfolger ein hochrentables Unternehmen mit grossen finanziellen Reserven. Ausserdem hatte sich in meinen über 40 Jahren in der Fifa der Fussball auf dem ganzen Globus etabliert und entwickelt. Ich brachte die WM nach Afrika und in den fernen Osten. Heute zählt der Fussball rund zwei Milliarden Followers. Angesichts dieser Fakten können Sie sich selber ein Urteil über meine Amtsführung bilden.

Strafrechtlich wurden Sie im vergangenen Juli von allen Vorwürfen freigesprochen. Wie gross war die Genugtuung?
Gross. Heute kann ich sogar sagen, dass ich am Tag meines Freispruchs noch glücklicher war als am 8. Juni 1998, als ich in Paris zum Fifa-Präsidenten gewählt worden war. Denn während der sieben Jahre des Wartens auf das Urteil war ich vorverurteilt. Es fühlte sich an, als befände ich mich in Untersuchungshaft. Der Freispruch hat dann vieles gelöst, auch bei meiner Familie, die gelitten hat. Meine Enkelin musste damals das Gymnasium wechseln in Sitten, weil sie gemobbt wurde. Jetzt geht es ihr gut, sie studiert Sozialpädagogik.

Aber nun zieht die Bundesanwaltschaft den Fall weiter. Wie gross ist Ihr Verständnis für diesen Schritt?
Dafür habe ich kein Verständnis – und hört man sich in juristischen Kreisen um, ist die Verwunderung dort ebenfalls gross. Schliesslich wurden wir nicht von einem kleinen Gericht freigesprochen – sondern vom Bundesstrafgericht. Doch letztlich zielt der Rekurs vor allem gegen Michel Platini. Nun bleibt Platini für die Fifa zunächst suspendiert. Ich denke, es geht beim Rekurs darum, zu verhindern, dass er nächsten März zum neuen Fifa-Präsidenten gewählt werden könnte. Beobachter mutmassen, dass Infantino dahinterstecken könnte. Aus diesen Diskussionen halte ich mich aber raus.

«In seinem Hochmut redet Infantino nur noch mit Staatschefs.»
Sepp Blatter

Themawechsel. Was halten Sie von der Aufstockung der WM-Endrunde auf 48 Teams im Hinblick auf das Turnier 2026?
Nicht viel. Unter meiner Führung haben wir bei der Fifa geschaut, dass der Fussball Geld bekommt. Der Unterschied zu früher ist, dass Gianni Infantino sofort alles grösser machen wollte. Die WM mit 48 Mannschaften, das Goalprojekt umbenannt in «Hattrick», weil er damit drei Mal so viel Geld will, eine grosse Club-WM mit 24 Mannschaften, die Frauen-WM sofort von 24 auf 32 Teams aufgestockt. Das geht nicht, das kann man nicht mehr verdauen. Infantino ist grössenwahnsinnig geworden. In seinem Hochmut redet er auch nicht mehr mit Verbandspräsidenten, sondern nur noch mit Staatschefs.

Was würden Sie am Fussball ändern?
Der Fussball sollte wieder zu seinen Wurzeln zurückkehren und die sozialkulturelle Bedeutung zurückgewinnen – und nicht nur die weitere Kommerzialisierung anstreben. Wenn ich sehe, dass der Kalender immer mehr aufgeladen wird, sich die Topspiele in immer grösserer Kadenz folgen und Spieler und Teams – aber auch Fans und Sponsoren fast im Tagesrhythmus gefordert sind, kann ich nur etwas sagen: weniger wäre mehr. Die Zitrone lässt sich nicht immer mehr auspressen.

«Die Zitrone lässt sich nicht immer mehr auspressen.»
Sepp Blatter

Im kommenden März findet die nächste Wahl für das Fifa-Präsidium statt. Kommt es zu einer Kampfwahl?
Dafür müsste zuerst ein Gegenkandidat in Position gebracht werden. Eine echte Wahl wäre sicher im Sinne der Demokratie. Wenn ich das Echo von Leuten höre, die bei der Fifa gearbeitet haben und es noch immer tun, sehe ich, dass sie mit ihrem Präsidenten nicht sehr zufrieden sind. Menschlich gesehen, weil er die Kontakte mit den Mitarbeitern nicht sucht. Infantino ist fast nie in Zürich. Und grundsätzlich muss man festhalten, dass sich die Fifa in eine Richtung entwickelt, die dem Fussball schaden kann.

Thomas Renggli