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Stadt Zürich
19.11.2022
19.11.2022 10:01 Uhr

Von der «Sennentuntschi mit Flügeln» zum Wahrzeichen von Zürich

Niki de Saint Phalles «L’ange protecteur» (Aufnahme aus dem Jahr 1998) schmückt seit 25 Jahren die Eingangshalle des Zürcher Hauptbahnhofs.
Niki de Saint Phalles «L’ange protecteur» (Aufnahme aus dem Jahr 1998) schmückt seit 25 Jahren die Eingangshalle des Zürcher Hauptbahnhofs. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Georg Mörsch
Niki de Saint Phalles «Schutzengel» breitet seit nun mehr als einem Vierteljahrhundert seine schützenden goldenen Flügel über den Reisenden im Zürcher Hauptbahnhof aus. Dass die Nana-Plastik bis heute ihren Glanz nicht verloren hat, ist einem Küsnachter Restauratoren-Duo zu verdanken.

Dominique Rais

Ihre Silhouette ist üppig, ihre Farben knallig und ihre Erscheinung monumental: Die überdimensionale Nana-Plastik «L’ange protecteur», die in gut vier Metern Höhe einem Schutzengel gleich über den Köpfen der Reisenden in der Eingangshalle des Zürcher Hauptbahnhofs schwebt, ist nicht zu übersehen. Seit nunmehr einem Vierteljahrhundert prägt sie das Bild der Bahnhofshalle.

Wenn auch anfänglich kritisch beäugt und einst von einem NZZ-Leserbriefschreiber gar abfällig als «Sennentuntschi mit Flügeln» bezeichnet, ist der bunte Engel unterdessen längst zu einem nicht mehr wegzudenkenden Wahrzeichen der Stadt geworden. Geschaffen wurde die Riesen-­Plastik, die im Inneren auf einer Metallkonstruktion aufgebaut ist, von der bekannten französisch-­schweizerischen Künstlerin und Bild­hauerin Niki de Saint Phalle (1930–2002).

Vor 25 Jahren wurde die «Schutzengel»-­Plastik den SBB von der Sicherheitsfirma Securitas anlässlich des 150-Jahr-Jubi­läums der Schweizer Bahnen geschenkt. Der Transport der über elf Meter grossen und 1,2 Tonnen schweren Nana-­Figur von den USA in die Schweiz war dabei eine enorme logistische Heraus­forderung. Dafür wurde der Engel in drei Teilen per Schiff via Rotterdam nach Basel verfrachtet und dann mit einem Tieflader nach Zürich transportiert.

Vor Ort wurde das Kunstwerk dann wieder zusammengesetzt, bevor die Monumentalplastik in Anwesenheit der Künstlerin schliesslich am 14. November 1997 enthüllt und feierlich der Öffentlichkeit übergeben wurde. Seither hängt der bunte, voluminöse Schutzengel mit den Blattgold-überzogenen Flügeln an Stahlseilen befestigt in der grossen Bahnhofshalle.

Der Weg zurück zu altem Glanz

Bei Ortskundigen, die sich am Hauptbahnhof Zürich verabreden, ist der «fette Engel», wie er von Einheimischen gerne liebevoll genannt wird, längst zum beliebten Treffpunkt geworden. «Ein Kunstwerk im öffentlichen Raum wie ‹L’ange protecteur›, das an einem stark frequentierten Ort wie dem Zürcher Bahnhof tagtäglich zahlreichen Umwelteinflüssen ausgesetzt ist, ist jedoch keinesfalls unterhaltsfrei», sagt der Konservator und Restaurator Christian Marty, der in den vergangenen Jahren mit der Restau­rierung des Schutzengels betraut wurde, zu Lokalinfo.

  • Die beiden Restauratoren Christian Marty und Petra Helm, Inhaber der Küsnachter Firma Ars Artis, bei der Reinigung des Schutzengels im Jahr 2018 Bild: zvg
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  • Staub und Schmutz haben der Nana-Plastik über die Jahre hinweg zugesetzt. Bild: zvg
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  • «Sinnvoll wäre es aber, den Schutz­engel im Abstand von zehn Jahre zu restaurieren», so Martys Einschätzung. Dazu sei es in der Regel angebracht, dass Restauratoren das Kunstwerk im Turnus von fünf Jahren in Augenschein nehmen, um die Dringlichkeit einer erneuten Restaurierung abschätzen zu können . Bild: zvg
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  • Da Niki de Saint Phalle bei ihrem Werk wasserlösliche Acrylfarbe verwendet hat, konnte der Schutzengel nicht einfach mit Wasser gereinigt werden. Stattdessen verwendeten die Restauratoren einen Krepp-­Kautschuk. Bild: zvg
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Erstmals hat Marty, der zusammen mit seiner Partnerin Petra Helm die auf Restaurierungsarbeiten spezialisierte Küsnachter Firma Ars Artis ­betreibt, die Engelsplastik im Jahr 2006, damals noch im Rahmen seiner Arbeit im Schweizerischen Institut für Kunst­wissenschaft, gereinigt und restauriert.

Vor drei Jahren, im Sommer 2018, wurde das Restauratorenteam abermals von den SBB aufgeboten, um dem Schutzengel zu altem Glanz zu verhelfen. Denn Vogelkot, Staub und Fettablagerungen sowie vom Dach der Bahnhofshalle tropfendes Kondenswasser hatten im Laufe der Jahre auf der schwebenden Nana sichtbare Spuren hinterlassen. Die Reinigung des Schutzengels brachte jedoch so manche Herausforderungen für die erfahrenen Restauratoren mit sich.

Da Niki de Saint Phalle bei der rund fünf Monate dauernden Herstellung ihres Werks unter anderem wasserlösliche Acrylfarbe verwendet hatte, war es den Restauratoren nicht möglich, den «Ange protecteur» einfach mit Wasser abzuwaschen, ohne dass das Kunstwerk Schaden genommen hätte. In der Folge entwickelte die Firma eigens ein Verfahren, um die Nana mithilfe eines speziellen Krepp-­Kautschuks möglichst schonend vom Schmutz zu befreien.

«Nebst restauratorischer Erfahrung und dem nötigen Feingefühl mussten wir auch schwindelfrei sein», so Marty. Denn die Reinigungsarbeiten fanden auf einer Hebebühne in luftiger Höhe statt. Da auf der Plattform der Hebebühne jedoch nur zwei Personen zum Arbeiten Platz hatten, musste Marty einen entsprechenden Kurs absolvieren, der es ihm erlaubte, die Hebe­bühne selbst zu steuern.

Aufwendige Restaurierungsarbeit

Nebst dem Arbeitsplatz war laut Marty nicht zuletzt auch die Technik, um zeitgenössische Kunst – wie jene von Niki de Saint Phalle – zu restaurieren, schwierig gewesen. «Bei alten Kunstwerken, die bis zum 18. Jahrhundert hin entstanden, liegen heute bereits genügend Erfahrungswerte vor, auf die wir als Restauratoren zurückgreifen können», erklärt Marty. «Ab Mitte dem 19. Jahrhunderts wurden Maler und Künstler jedoch experimentierfreudiger und neue Materialen kamen zum Einsatz. Die bis dahin geltenden Konventionen und Regeln wurden ausser Kraft gesetzt», so Marty weiter.

Im Fall des Nana-Schutzengels dauerten die Reinigungsarbeiten laut dem Restaurator über einen Monat, da das Team aufgrund von Veranstaltungen in der Bahnhofshalle seine Arbeit teilweise unterbrechen musste. Die Restaurierungskosten, die Hebebühnen-­Miete ausgeschossen, beliefen sich damals auf rund 40 000 Franken. «Obwohl der Schutzengel turnusmässig alle paar Monate von SBB-Mitarbeitern mit Staubwedel und Druckluftspray abgestaubt wird, habe ich schon mehrere Anrufe von Passanten bekommen, die beklagten, dass der Schutzengel erneut sichtbaren Schmutz angesetzt hätte», erklärt der Restaurator.

Wann die nächste Restaurierung des «Ange protecteur» ansteht, ist laut Marty noch unklar. «Sinnvoll wäre es aber, den Schutz­engel im Abstand von zehn Jahre zu restaurieren», so Martys Einschätzung. Dazu sei es in der Regel angebracht, dass Restauratoren das Kunstwerk im Turnus von fünf Jahren in Augenschein nehmen, um die Dringlichkeit einer erneuten Restaurierung abschätzen zu können und so das Kunstwerk auch für künftige Generationen zu erhalten.

Aufgenommen im Jahr 1969: die Künstlerin Niki de Saint Phalle bei der Arbeit. Bild: Bild © Nachlass Leonardo Bezzola, Werk © 2022 Niki Charitable Art Foundation, All rights reserved / ProLitteris, Zürich

Kunsthaus widmet Nana-Schöpferin eigene Austellung

Zweifellos zählt Niki de Saint Phalles «Schutzengel» zu den in Zürich wohl bekanntesten Kunstwerken im öffentlichen Raum. Auch wenn die «Nanas», wie etwa «L’ange protecteur», von einer scheinbar unbekümmerten Fröhlichkeit zeugen und die Künstlerin letztlich weltberühmt machten, so reicht ihr künstlerisches Schaffen doch weit über die bunten, üppigen Frauen-­Plastiken hinaus.

«Ihr Gesamtwerk ist überraschend facettenreich – exzentrisch, emotional, düster und brutal, humorvoll, hintergründig und immer wieder herausfordernd», schrieb das Zürcher Kunsthaus anlässlich der Eröffnung der «Niki de Saint Phalle»-­Ausstellung im September dieses Jahres. Die Retro­spektive einer der wichtigsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts, die noch bis Anfang Januar 2023 dauert, zeigt rund 100 Werke – angefangen bei frühen Assemblagen über Aktionskunst und Grafiken bis hin zu grossen Plastiken wie den Nanas. (rad.)

Dominique Rais