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Sport In-/Ausland
23.11.2022
23.11.2022 16:57 Uhr

Sepp Blatter: Arabische Sensation und ein erfundenes Problem

Kollektive Ekstase: Saudi Arabien feiert die WM-Sensation gegen Argentinien.
Kollektive Ekstase: Saudi Arabien feiert die WM-Sensation gegen Argentinien. Bild: KEYSTONE/EPA/Rungroj Yongrit / zVg
Am Donnerstag steigt die Schweiz gegen Kamerun ins WM-Turnier ein. Doch schon jetzt ist in Doha einiges passiert. Eine erste Zwischenbilanz von Sepp Blatter.

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Saudi Arabien. In einem Turnier, in dem die Aussenseiter bisher mehrheitlich chancenlos blieben und die Favoriten die Erwartungen souverän erfüllten, setzte Saudi Arabien mit einem kämpferischen und spielerisch erstaunlich starken Auftritt gegen Mitfavorit Argentinien den Gegentrend. Das 2:1 der Araber ist die erste Sensation der WM. Doch Vorsicht: 2010 düpiert die Schweiz an der WM in Südafrika zum Auftakt Spanien 1:0. Am Schluss jubelten trotzdem die Iberer über den Titel.

Olivier Giroud. Titelverteidiger Frankreich geriet gegen Australien früh in Rückstand. Doch dann drehten die Bleus mächtig auf und bewiesen auch in Abwesenheit von Real-Star Karim Benzema, dass sie in der Offensive über weltmeisterliches Potenzial verfügen. Kylian Mbappé mit seiner überwältigenden Technik – und (vor allem) Olivier Giroud mit seinem unwiderstehlichen Vorwärtsdrang führten sie zum ungefährdeten 4:1. Dank seinen zwei Treffern hat Milan-Stürmer Giroud zu Thierry Henry als französischer Rekordtorschütze (51 Treffer) aufgeschlossen.

Iran. Das Spiel Iran -  England (2:6) wird kaum wegen des erwarteten Sieges des Favoriten in Erinnerung bleiben. Vielmehr haben die iranischen Spieler ein Zeichen gesetzt, das ihnen zuhause noch Probleme schaffen kann. Sie verweigerten das in ihrer Heimat eigentlich obligatorische Mitsingen der Nationalhymne und protestierten damit gegen das iranische Regime. Zuhause wurde diese Geste vom Volk dankbar aufgenommen. Die Menschen im Iran feierten die Protestgeste auf den Strassen fast so, wie wenn die Mannschaft das Spiel gegen England gewonnen hätte.

Flop

Nachspielzeit. 9 Minuten, 11 Minuten, 10 Minuten. Schon nach drei Tagen lässt sich sagen: Die Nachspielzeit an der WM nimmt fast schon bizarre Dimensionen an und gibt dem Spiel einen ganz neuen Charakter. Während sich die Mediziner wegen der Hitze Sorge um die Gesundheit der Spieler machen, wird die Spieldauer künstlich in die Länge gezogen. Hauptgrund: Nach jedem Tor überprüft der Videoschiedsrichter die Richtigkeit der Entscheidung in einem minutenlangen Prozedere. So werden Emotionen quasi eingefrorenen und die Fans unnötig hingehalten. Einmal mehr muss ich festhalten: Der Videoschiedsichter ist in dieser noch komplizierteren Form keine gute Idee.

Kapitänsbinde. Mit dem Verbot der «Regenbogen-Kapitänbinden» hat die Fifa ein Problem geschaffen, das eigentlich gar keines ist. Einerseits sprechen die Veranstalter  von Integration, Inklusion und Friedensbotschaften, gleichzeitig verbieten sie die simpelste Message für Toleranz und Völkerverständigung und schaffen so einen völlig unnötigen Imageschaden. Es gäbe wahrlich andere Probleme zu lösen als ein kleines Stück Stoff zu verbieten.

Zuschauerverhalten. Beim Startspiel Katar – Ecuador verliess ein Grossteil der Zuschauer das Stadion schon in der Pause. Grund: Die Fans waren verärgert über den schwachen Auftritt des Heimteams. Es war nicht das einzige Zeichen, dass in Katar in Sachen Fussballverständnis noch viel Nachholbedarf besteht. Beim begeisternden Auftritt der Franzosen gegen Australien blieb die Stimmung im Stadion befremden mau – wie an einem Testspiel. Immerhin: Bis zum Final am 18. Dezember hat das katarische Publikum noch Zeit, sich ans WM-Niveau heranzutasten.

Sepp Blatter