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Zürich 2
25.11.2022

Leistungsdruck: Kantischülerin organisiert Steitgespräch

Hat die Diskussion persönlich moderiert: Nives Romanelli.
Hat die Diskussion persönlich moderiert: Nives Romanelli. Bild: Rahel Köppel
Im Rahmen ihrer Maturaarbeit hat die 18-jährige Nives Romanelli in der Aula der Kantonsschule Enge eine Podiumsdiskussion zum Thema «Leistungsdruck an Zürcher Gymnasien» organisiert. Mit dabei waren unter anderem Kantonsrätin Astrid Furrer und Jugendpsychologe Stephan Kälin.

Rahel Köppel

Für ihre Maturaarbeit hat sich die 18-jährige Nives Romanelli intensiv mit dem «Leistungsdruck an Zürcher Gymnasien» auseinandergesetzt. Zu diesem Thema hat die Schülerin des Liceo Artistico kürzlich eine Podiumsdiskussion organisiert und auch moderiert. Die Gäste: FDP-Kantonsrätin Astrid Furrer, die die parlamentarische Initiative «Kein Verzicht auf Schulnoten» ins Leben gerufen hat, und Cinzia Vezzoni, Prorektorin des Liceo ­Artistico. Ausserdem Chiara Uliana, Schülerin des Gymnasiums Stadelhofen, die eine Arbeit über die mentale Gesundheit von Jugendlichen geschrieben hat, Jugendpsychologe Stephan Kälin und Phillippe Wampfler, Autor des Buches «Eine Schule ohne Noten».

Moderiert hat Nives die Diskussion selbst. Als Grundlage hat sie den Gästen Studien präsentiert, die belegen, dass 27 Prozent der deutschsprachigen Schüler depressiv sind aufgrund von Leistungsdruck. Weiter zeigt sie auf, dass die psychische Belastung der Schüler, auch durch die Covid-Pandemie, zugenommen hat. Anschliessend übergibt sie ihren ­Gästen das Wort.

Meinungen sind unterschiedlich

Stephan Kälin hat als Jugendpsychologe viel Erfahrung mit den Problemen der heutigen Jugend. Er behauptet, dass der Druck bereits im Kindergarten entsteht und dass dieser seit der Pandemie zugenommen hat. «Mein Sohn hat längere Tage als ich», sagt er. Er findet, man müsse nach einem Weg suchen, Schüler nicht mit Noten, sondern auf eine andere Art zu bewerten. «Noten sagen nichts aus, sie sind nur eine Zahl, die oft ohne jeglichen Kommentar vergeben werden.»

Von links: Astrid Furrer, Cinzia Vezzoni, Moderatorin Nives Romanelli, Chiara Uliana, Stephan Kälin und Phillippe Wampfler diskutieren intensiv über das Thema «Leistungsdruck an Zürcher Gymnasien». Bild: Rahel Köppel

Auch Phillippe Wampfler findet, Schüler hätten einen zu hohen Leistungsdruck, der auch durch die Art zu benoten hervorgerufen wird. «Je nach Klasse oder Lehrperson kann eine Note um +1 oder –1 variieren», sagt er. «Und das entscheidet dann schlussendlich, ob man an eine Universität darf oder nicht.» Die beiden Männer sind der Meinung, dass man sich an Stelle von Benotung eher auf die Kompetenzen der Studierenden fokussieren soll.  «Welche Kompetenz hat ein Schüler gezeigt? Woran hat eine Schülerin gearbeitet?», präzisiert Kälin.

Cinzia Vezzoni und Astrid Furrer sind da etwas anderer Meinung. Sie sind überzeugt, dass man den Druck, den die Jugendlichen haben, nicht ausschliesslich an den Noten aufhängen kann. «Ich denke auch, dass eine andere Bewertung nicht funktioniert. Das erfordert dann viel mehr Zeit, die wir Lehrpersonen schlicht und einfach nicht haben», sagt die Italienisch- und Französischlehrerin. 

«Das Schulsystem ist der Stressfaktor Nummer eins»

Nives Romanelli hat sich aufgrund eigener Erfahrungen für dieses Thema entschieden. «Ich bin selber seit sechs Jahren im Gymi und habe den Leistungsdruck und die Angst um Noten bei mir und bei meinen Kameradinnen und Kameraden immer als sehr belastend empfunden», berichtet sie.

Ein Schlüsselmoment sei für sie die Zeit nach dem zweiten Lockdown gewesen, als die Situation um die psychische Gesundheit von Jugendlichen zu eskalieren drohte und der Schulalltag trotz Beschwerden weiterging wie immer. «Lehrpersonen schienen zum Teil überfordert mit uns Jugendlichen, deren bereits vorhandene Probleme durch die Pandemie oftmals verstärkt wurden.»

Mit der Zeit sei bei vielen von ihnen ein Mass erreicht worden, in dem man kaum mehr wie gewohnt funktioniert habe. «Dennoch zeigte sich das Schul­system als sehr unflexibel. Und dies, obwohl es selbst den Nummer-eins-Stressfaktor für Gymischülerinnen und -schüler darstellt, wie diverse Befragungen zeigen.» Also entschied sich Romanelli, ihre Matura­arbeit diesem Thema zu widmen.

Die Podiumsdiskussion ist der Anlass, auf den sie jetzt sehr lange hingearbeitet hat.«Das Ziel des Podiums war für mich, das Thema für alle zugänglich auf die Bühne zu bringen und einer Debatte Raum zu geben, der aktuell zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird.»

Mit der Diskussion ist die 18-jährige grundsätzlich zufrieden. Schade findet sie, dass aufgrund Zeitmangels die Publikumsfragerunde am Schluss etwas zu kurz kam. «Mir wurde aber gesagt, dass die Diskussion auch noch auf dem Nachhauseweg für reichlich Gesprächsstoff gesorgt habe, was mich sehr freut», fügt die Maturandin an. «Es ist auf jeden Fall ein Thema, das bewegt, und wenn ich höre, dass das Podium zu weiteren Diskussionen führt, denke ich, dass das Ziel des Anlasses erreicht wurde.» (rk.)

Astrid Furrer fügt an: «Ich denke nicht, dass sich diese Methode für Uni- oder Hochschulzugänge eignet.» Mit ihrer Initiative will die Kantonsrätin bewirken, dass Noten nicht nur verteilt, sondern auch kommentiert und mit den Schülern besprochen werden. «Ausserdem haben wir in der Schweiz so viele Möglichkeiten, da muss man ja nicht zwingend das Gymnasium machen.» Chiara Uliana sieht beide Seiten und findet grundsätzlich, dass sie als Schüler einen viel zu vollen Stundenplan haben und dadurch ein grosser Druck entsteht. Man sei nur immer dann wirklich entspannt, wenn man mal keine Prüfungen hat, was sie sehr schade findet.

Niklaus Schatzmann zieht ein Fazit

Niklaus Schatzmann, Leiter des Mittelschul- und Berufsbildungsamts und einstiger Rektor der Kantonsschule Freudenberg, äussert zum Schluss seine Meinung. Er findet, die Meinungen gehen gerade bei der Lösungssuche nicht sehr weit ­auseinander. «Wir werden nicht um eine Leistungsbeurteilung herumkommen. Das Benotungssystem ist hier in der Schweiz verbindlich, alles muss schlussendlich in Noten übersetzt werden. Aber wie wir genau beurteilen, da sind wir frei.» Da findet Schatzmann, dass man mutiger werden darf.

Er stimmt zu, dass Leistungsbeurteilungen in Form von ­Prüfungen nicht viel bringen und dass Erklärungen und Feedbacks sehr wichtig sind. «Man merkt es auch an den Lehrpersonen: Sie wollen meist anders arbeiten, das Prüfungssystem lässt es aber nicht zu. Sie haben ebenfalls Druck und hätten gerne mehr Zeit für Feedback.» Das sei eine Problematik, die in der Politik behandelt werden müsse. Auch er findet es wichtig, dass man kompetenzorientierter wird und dass die Anforderungen für die Aufnahme an Hochschulen angepasst werden. «Gewisse Hochschulanwärter können vielleicht das eine nicht, dafür aber das andere viel mehr.»

Rahel Köppel