Cousine M. pilgert jeweils in der Zeit der Mittsommernacht zur Kreuzkirche in Hottingen, in deren Gartenanlage sie zahlreiche Glühwürmchen anzutreffen pflegt. Eine romantische kleine Pilgerfahrt, wahrlich. Und eine, die viele, ob Städterinnen oder Landbewohner, überraschen dürfte. In Zürich, der hell ausgeleuchteten Businessstadt, sind sogar alle vier in der Schweiz heimischen Leuchtkäferarten zu finden.
Exemplarischer Überblick
Mittlerweile ist das Wissen weit verbreitet, dass Städte oft eine vielfältigere Flora und Fauna aufweisen als Landstriche mit intensiver Landwirtschaft. Viel dazu beigetragen hat unter anderem eine Publikation zur Zürcher Stadtfauna aus dem Jahre 2010. Die beiden Biologen Stefan Ineichen und Max Ruckstuhl präsentierten darin 600 Arten, die in den Jahren davor in Zürich beobachtet werden konnten, und lieferten damit einen exemplarischen Überblick über die reiche Tierwelt in einer mitteleuropäischen Grossstadt.
Kürzlich haben die beiden, zusammen mit Stefan Hose, Projektleiter Fachstelle Naturschutz bei Grün Stadt Zürich, eine erweiterte Neuauflage herausgebracht, die nun 700 Tierarten umfasst. Sie enthält nicht nur den Hauptteil mit den Tierporträts, sondern auch eine Reihe von «Schlaglichtern auf die städtische Fauna und ihre Lebensräume». Diese geben, auf der Grundlage des Vergleichs mit dem Stand vor zwölf Jahren, Aufschlüsse über die Dynamik der Veränderungen. Die Beobachtungen, welche Tiere neu eingewandert und welche aus dem Stadtbild verschwunden sind, ermöglichen Antworten auf die Frage, wie sich die Klimaerwärmung oder das verdichtete Bauen auf die städtische Fauna auswirken.
Gewinner und Verlierer
In einem Interview mit dem Portal naturschutz.ch erwähnte Max Ruckstuhl zwei Beispiele des Wandels: Auf der einen Seite sei der Kurzschwänzige Bläuling, ein in der ersten Ausgabe noch gar nicht erfasster Tagfalter, heute in der ganzen Stadt anzutreffen. Zu den Verlierern zähle hingegen ein altvertrauter Gartenbewohner: Die Igelpopulation sei innerhalb weniger Jahre deutlich zurückgegangen – «eine bittere Erkenntnis», so Ruckstuhl. Das zeige, «dass unsere Grünflächen im Siedlungsgebiet stark unter Druck sind».
Wer sich mit der faszinierenden tierischen Zürcher «Parallelgesellschaft» vertraut machen will, kann fürs Erste zur Buchvernissage im Rahmen von «Zürich liest» pilgern, an der Christine Bräm, Direktorin Grün Stadt Zürich, Martin Lind, Leiter Lektorat Haupt Verlag, und die drei Herausgeber teilnehmen.